Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1867
Erscheinungsjahr:
1867
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1867/6/
verheerenden Wirkungen dieser schrecklichen Seuche noch 
nicht ibren Höhepunkt erreicht haben. Um so mehr ist 
mit größler Achtsamkeit der Viehverkehr zu überwachen, 
um unsere Gegend vor einer neuen Gnschleppung zu 
bewahren. 
Bietor Emanuel hat einen großen Rumor in die 
Welt gemacht. Als ihm die Deputaten zum neuen 
Jahre gratulirten, antwortete er: „Ich bitte M nur 
um EineS: werfen Sie die Armee-Organisation nicht 
um. Sparsamkeit ist vonnöthen, ich weiß es, aber auf 
die Armee angewendet, kann sie verhängnißvoll werden. 
ES könnte sich ereignen, daß die Armee von einem 
Augenblicke zum andern berufen würde, nicht blos die 
Grenzen ztt vertheidigen, sondern neuen Ruhm auf neuem 
Schlachtfelde zu erwerben." Hält der König den Aus 
bruch der orientalischen Frage für so nahe und gedenkt 
er dabei etwas zu fischen? oder was steckt hinter seinem 
allarmirenden Neujahrsgruß? 
Eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten, die j 
je gelebt haben, ist wohl ohne Zweifel Hr. M'Kava- 
nagh, englisches Parlamentsmitglied. Wir haben hier 
einen Mann vor uns, der ohne Arme und Beine ge 
boren — er hat statt derselben nur einige Zoll lange 
Stumpen ohne Hände oder Füße, Finger und Zehen 
— sich als kühner Reiter, trefflicher Schütze (?), als 
Zeichner und selbst als Schriftsteller bekannt gemacht 
hat. Der Kopf zeigt nämlich schöne Züge, in denen sich 
die Intelligenz und ungewöhnliche geistige Energie aus 
geprägt findet, die den Sieg über die UnVollkommenheiten 
deS Körpers errungen hat. Herr M'Kavanagh steht 
jetzt im 43. Lebensjahre, ist verheirathet und Vater ei 
ner zahlreichen Familie von schönen Kindern. Seine 
geistreiche Unterhaltung wird gerühmt, und eine kürzlich 
von ihm veröffentlichte Beschreibung einer von ihm in 
seiner Nacht gemachten Reise, mit seinen eigenen Zeich 
nungen illustrirt, legt sicherlich Zeugniß von nicht ge 
wöhnlicher Begabung ab. Beim Schreiben und Zeich 
nen nimmt er die Feder in den Mund und leitet sie 
mit dem Stumpen seines Armes, wobei er es zu einer 
erstaunlichen Fertigkeit gebracht hat. Zu Pferd sitzt er 
in einer Art Korbsattel und lenkt das Thier mit über 
raschender Leichtigkeit. Am größten aber dürfte er in 
seiner Fahrgeschicklichkeit mit dem Viergespann sein. Von 
Ferne hört man schon das Knallen seiner Peitsche, wenn 
seine Pferde in schärfster Gangart mit ihm da herjagen. 
Die Arbeiter der Seidenindustrie in Lyon befinden 
sich sehr übel. Die größten Häuser lassen kaum den 
3ten Theil ihrer Webstühle arbeiten, der einzige Artikel, 
der noch geht und einigen Gewinn abwirft, ist die Seide 
für die Regenschirme. Die Bemühungen der Kaiserin 
Eugenie, die bunten, kostbaren Seidenstoffe wieder in 
Mode zu bringen, waren ohne Erfolg. Hunderttausend 
Arbeiter seufzen unter dem Zepter der Tyrannin Mode. 
Wieder einmal hat die Mutterliebe ein Wunder 
vollbracht. In dem sächsischen Grenzdorfe Ponikaü 
wurde im Pfarrhofe ein Brunnen gegraben; am 8. De 
zember stürzte die untere Verschalung ein und begrub 
ein Vruderpaar, Muschtet, in der Tiefe von 25 Ellen. 
Der Jammer war groß, Maurer und Bergleute legten 
Hand aK, M BrMv5zu ietten. Siei Hrubeti NndFM 
beiteten erfolglos bis zum 15. Dezember; dann ordnete 
das benachbarte Gerichtsamt Großenhain die Verschüt 
tung des BrunnenS und eine Todtenfeier an. Nein, 
sagte die Mutter, ich will meine Söhne wenigstens auf 
beitt Kirchhof beerdigt sehen. Es wurde weiter gegraben, 
wieder ohne Erfolg. Die Gemeinde erklärte, es macht 
uns zu viel Kosten, der Brunnen muß zugeworfen wer 
den. Alle Angehörigen, sogar die Frauen der Verschüt 
teten, stimmen zu. nur die Wutter nicht. Ich lasse meine 
braven Söhne auf meine Kosten ausgraben, sagt sie und 
dabei bleibt sie. Ein Maurermeister arbeitet weiter, aber 
nur am Tage; denn Niemand hält es für möglich, daß 
in der Brunnentlefe noch Leben ist : ,^sie sind erstickt, er 
drückt oder verhungert!" Aber bei Gott ist kein Ding 
unmöglich. Am 19. Dezember Nachmittags öffnet der 
Maurer eine kleine Spalte des untern Holzwerks und 
hört von unten rufen: wir leben! Ein Grausen 
überfällt Alle, die's hören. Alles legt Hand an und 
Abends werden die Brüder aus ihrem Grabe hrraufge- 
wunden. „Ach Gott, das war eine lange Nacht!" war 
das erste Wort des Einen, der andere war sprachlos. 
Die Versammelten stimmen mit gerührter Stimme das 
Lied an: Nun danket alle Gott! — Das gebrochene 
Schalwerk hatte ein Schutzdach über den Brüdern ge 
bildet, in welchem sie kauernd sitzen mußten. Ihre Nah 
rung war während der elf Tage ein Päckchen Tabak 
und das von oben eindringende, im Pfeifen köpfe aufge 
fangene Regenwasser. Sie haben regelmäßig das Mit 
tag- und Abendläuten und das Läuten zum Gottesdienst 
gehört, sie haben die Arbeiter über ihren Köpfen spreche^ 
hören und gaben sich verloren, als die Bergleute sagten : 
„hier ist alle Mühe vergebens, es ist am besten, den 
Brunnen zuzuschütten." In ihrem Grabe stärkten sie 
ihre Seele durch Singen des Liedes: „Ach Gott, verlaß 
mich nicht!" Die Brüder leben und haben ihre Ret 
tung nächst Gott der Mutterliebe zu verdanken. 
Der Kurfürst von Hessen führt mit seinem ältesten 
Sohn, dem Prinzen von Hanau, Krieg. Er hatte ihm 
das Schloß Völkershausen geschenkt und es ihm wieder 
abgesprochen, als der Prinz in preußische Dienste trat. 
Der junge Herr kehrt sich nicht daran und nun treiben 
bald die prinzlichen Forstschutzdiener die kurfürstlichen, 
bald diese jene mit Knütteln aus dem Gutswalde. Die 
Minderzahl muß jedesmal Reißaus nehmen. Die blauen 
Augen und blutigen Köpfe zählen nach Dutzenden. Die 
zahlreichen Holzarbeiter nehmen ebenfalls Partei, bald 
für David, bald für Absolon. 
In Hamburg ist der'Scbiffsrheder R. M. Sloman 
gestorben. Vor 50 Jahren kam er mit leeren Taschen 
nach Hamburg; jetzt fahren t 8 prachtvolle Segelschiffe 
aus dem Meere, die ihm gehören, und in seinen Truhen 
liegen Millionen. Die Zahl der Auswanderer, die et 
von 1848—1866 nach Amerika und Australien beför 
dert hat, beträgt l 32,800. 
— Im Nürnberger Korrespondent wird berichtet, daß 
dort eine Versicherungsgesellschaft für Krankheitsfälle 
besteht mit 1073 Mitgliedern M 3904 Köpfen. So- 
vach 3 bis 4 Köpfe für jeden Hals.
        

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