Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1867
Erscheinungsjahr:
1867
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1867/22/
Frieden Gottes erkaufen mögen! — D>e FmanMthm 
kam wieder aus dem Concerte. Da das Wetter gu, 
war so qing sie mit ihren Kindern zu Fuß nach Hause. 
Sie'beaeqneten einem Polizeidiener, der einen Knaben 
als Gefangenen fortführte. „Was hat das Kmd be- 
aanaen»" fragte die Dame einen der Vorübergehenden. 
^Es hat g-stohl-n". -rwid-rte der Gefragte. „W eder 
ein unglückliches Wesen, das in unser Rettungshaus 
aebört" faqte die Fmu Fmanzrathm seufzend. Am 
folaenden Tage kam ihr Gatte mit einem ernsten Aus 
druck der Trauer im Gesicht in ihr Zimmer. „Das äl 
teste Kind vom Meister Armmann hat gestern den Dieb- 
stahl begangen, von dem Du erzähltest", sagte er. 
Was? Armmanns Kind?" rief die Finanzräthin em 
pört aus, „des Schuhmachers Knabe, der uns immer 
des Vaters Arbeit brachte? O, daß ist abscheulich, wenn 
Leute stehlen, die ihren Verdienst haben." „Weißt Du 
aber auch, meine Liebe" fuhr der Herr Finanzrath fort, 
„weißt Du, wem der Knabe die Schuld, die er auf 
sich geladen zuschiebt? — Dir und unsern Kindern." 
„Entsetzlich", rief die Dame. „Höre mich an, liebe 
Frau, Du mußt hier klar sehen!" sagte der Herr Fi 
nanzrath. Als man den Knaben fragte, was ihn ver 
anlaßt habe, ein so gemeines Verbrechen zu begehen, 
blieb er stumm. Als man ihm vorstellte, er sei braver 
Leute Kind, schluchzte und weinte er. „Was bewog 
dich zu stehlen?" fragte man. „Der Hunger!" entgeg- 
nete der Knabe; ich und meine Brüder hatten den gan 
zen Tag nichts gegessen, wir konnten's nicht mehr er- 
tragen. Vrok für unA." „Aber 
dein Vater ist doch ein geachteter Schuhmacher, er hat 
viel Arbeit, er ist fleißig", sagte man ihm. „Ja", ant 
wortete der Knabe, „der Vater hat Arbeit, er ist auch 
fleißig früh und spät." Hat dein Vater sein Geld 
verspielt oder ins Wirthshaus getragen, — hat er dich 
zum Verbrechen getrieben? „Nein, nein! nicht der Va 
ter hats zu verantworten, sondern die Frau Finanzrä 
thin Reichmann trägt die Schuld und deren Fräulein 
und der junge Herr und auch viele andere Herren und 
Damen, die des Vaters Kunden sind, aber ihre Rech 
nungen durchaus nicht bezahlen. Ach! wie viel Mal 
ist er schon bei ihnen gewesen, und wie oft hat er die 
freundlichsten Zeilen geschrieben, — aber vergebens." 
Die Frau Finanzräthin erbleichte. Die ganze schreckli 
che Geschichte stand plötzlich vor ihrer Seele. Sie un 
terstützte die Bettler, sie brachte Opfer über Opfer, um 
Elend aller Art zu lindern, aber bei aller werkthätigen 
Liebe hatte sie ihre nächste erste Verpflichtung versäumt, 
dem armen Handwerker zur Zeit und augenblickkich nach 
Ablieferung seiner Arbeit die wohlverdiente Zahlung zu 
leisten. Sie hatte ihre Kmder angeleitet, in ihre Fuß 
stapfen zu treten auf dem Wege der Wohlthätigkeit, 
aber sie hatte ihnen auch gestattet, wie sie selbst, sich 
der Unordnung in Zahlung der Rechnung hinzugeben. 
So war sie, welche Rettungshäuser für junge Verbre 
cher gründen half, einem unschuldigen Knaben, dem 
Kinde braver, fleißiger und geachteter Eltern, die erste 
Veranlassung zum Verbrechen mit gewesen. Diese ernste 
und wahre Geschichte ist aus. Wer Ohren hat zu 
hören, der höre! Die FrGl Finanzräthin, der junge 
Herr und das Fräulein zahlen jetzt prompt. Dfztg. 
Allerhand Neuigkeiten. 
Bregenz, 23. Februar. In der heutigen letzten 
Landtagssitzung wurden als Reichstagsabgeordnete er 
wählt: aus der StädtekurieHerr Landeshauptmann v. 
Froschauer, aus der Landgemeindekurie Herr Baron v. 
Seyffertitz. — Zu dieser Wahl kann man dem Vorarl 
berger Lande Glück wünschen! 
In Dornbirn fand man in einer Brunnenstube die 
Leiche eines neugebornen Kindes. 
Die Stadt Frankfurt sandte eine Deputation an 
den König von Preußen, um die von' der Stadt gelei 
stete Kriegscontribution auf den preußischen Staat zu 
übernehmen. " 
In Königsberg in Preußen wurde ein Commis durch 
den Bankerott, seines Prinzipals brodlos und mußte bei 
einem Wirthe auf Credit leben. Er schuldete dem Wir 
the bei seinem Fortgehen 23 Thaler und gab ihm ein 
Dombau-Lotterieloos; damit sollte die Schuld ge 
deckt sein. Als die Ziehung kam, fiel auf das Loos ein 
Gewinn von 10,000 Thalern. Das Loos und der Ge 
winn waren des Wirthes unbestrittenes Eigenthum; 
dennoch schickte er das Loos dem Commis nach und 
bat nur um Uebersendung der 23 Thaler. Der Com 
mis dachte aber anders, er erhob die 10,000 Thaler 
uno schickte 5000 davon mit einer notariellen Beschrei 
bung dem Wirthe zu. Ein Wettstreit des Edelmuths. 
In Amerika werden jetzt zum Gebrauch auf Eisen 
bahnen künstliche Kinder verkauft. Damit der Rei 
sende das Glück des ungestörten Alleinseins im Coupe 
genießen kann, legt er sich ein künstliches Kind bei, wel 
ches sofort abscheulich zu schreien ansängt, wenn ein 
Zweiter einsteigen will. Jeder, der dieß Geschrei hört, 
ergreift eilends die Flucht, um sonstwo unterzukommen. 
Ein Kind erster Classe mit scharfer und sehr bösartiger 
Stimme im Umfange von 5 Octaven kostet 10 Doll., 
mit RePetition 12 Doll.; zweiter Classe, Stimme nicht 
so stark, aber sehr kläglich und unerträglich 5 Doll., 
dritter Classe, gewöhnliches Kind mit unterbrochenem 
Schreckensschreien, nöthigenfalls in der Tasche zu tra 
gen 2^/2 Doll. 
Die Abgaben und Steuern, schreibt ein Landsmann 
aus Cineinnati, find bei uns jetzt enorm hoch, dabei 
find die Lebensmittel sehr theuer. Ich bin dem Schnee 
und der Kälte in Rußland entflohen und hier ist der 
Winter eben so kalt und schneereich als dort. DaS Pa 
piergeld spielt bei uns eine Hauptrolle, Silber und Gold 
ist nicht viel zu sehen. Mit der Regierung des Prä 
sidenten Johnson ist man in den Vereinigten Staaten 
sehr unzufrieden und man befürchtet, daß es über ihn 
noch zu einem Bürgerkriege kommen werde. 
Im Hinblick auf die Industrieausstellung werden schön 
jetzt die LebenSmittel: Fleisch, Butter Eier ze., theurer. 
Der „Charivari" bringt in dieser Beziehung folgende 
Karrikatur: Ein Garcon: „Nro. 8 will sein Beefsteak
        

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