Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1867
Erscheinungsjahr:
1867
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1867/107/
mit Dank annahm. Das Urtheil lautete schließlich, da 
nur auf eine leichte körperliche Verletzung erkannt wurde, 
auf 2 Monate Arrest, womit die „guten Freunde« auch 
zufrieden waren. 
In den Judustriebezirken Sachsens nimmt die Noth 
erschreckend zu. Zn Meerane (17,000 E.) sind nicht 
weniger als 900 Arbeiter brotlos, der Rest arbeitet mit 
verminderten Arbeitsstunden und für Herabgesetze Löhne. 
Aebnlich soll eS in den andern Weber- nnd Strumpf 
wirkerorten stehen. 
In Finnland herrscht schreckliche Noth. Seit der 
Schnee das RennthiermooS bedeckt, backen die Leute 
Brod aus Birkenrinde und ThimotbegraS. SechS Miß 
jahre hintereinander haben den bäuerlichen Wohlstand 
vernichtet, der Hungertyphus ist auSgedrochen, Leichen 
liegen an den Straßen und Räuberbanden machen das 
Land unsicher. 
In Simbirsk in Rußland kaufte der deutsche Verwal 
ter eines Gutes von einem benachbarten Gute ein Torf 
moor. Die Bauern lachten und sagten: Das iß ein ' 
Deutscher, er führt Erde meiienzpeit weg, als hätte er 
nicht Erde genug bei sich! — Wie wunderten sie sich 
aber, als ste sahen, wie der Deutsche mit der „Erde" 
ganz ausgezeichnete Ziegel brannte. Sie hielten nun 
den Deutschen für emen Hexenmeister, „weil bei ihm 
die Erde brennt." 
Als vor fast 60 Zahren die Franzosen in Spanien 
föchten, fiel der Oberst eines Grenadierregimentes im 
Gefechte und blieb todt im Getümmel liegen. Kinder 
sagte ein Sergeant zu zwei jungen Soldaten, wir müs 
sen unseren Obersten ehrlich begraben, folgt mir! — 
Äie wagten sich allein vor, aber die beiden Soldaten 
fielen umer den feindlichen Schüssen und der Sergeant 
süchte ohne Erfolg den Leichnam seines Obersten fortzu» 
tragen. Da nahten zwei feindliche Reiter, er winkte 
ihnen, Als wolle er sich ergeben und schoß sie nieder, 
ülS ^ie näher kamen, band die zwei Rosse zusammen, 
lud ihnen den Leichnam auf und brachte itm ins Lager. 
Mit Lubel wurde er empfangen, aber unter seiner Uni 
form quoll das Blut hervor, er war verwundet. Ver 
gebens weigerte er sich, sich verbinden zu lassen, er 
wurde halb gewaltsam ins Lazareth gebracht und da 
entdeckte man, daß der tapfere Sergeant ein — Mäd 
chen war und Virginie Cbesquisres hieß. Di^ 
Tapfere war für ihren jüngeren Bruder vor Jahr und 
Tag in die Armee getreten. Mit dem Kreuz der Ehren 
legion wurde sie entlassen. Dieses Kreuz lag auch auf 
ihrem Sarge, als sie dieser Tage in Zssy, fast 90 Labre 
alt, begraben wurde. 
.Die irländischen Femers sind verzweifelte Kerle. Im 
Cle kenweUgefängnip m Vondon saß einer ihrer Führer. 
Burke. in Haft. Am 13. Dezember RachtS sprengten 
ste 12 Nebenhäuser in die Luft, um Burke zu befreien. 
Es gah 3 Tobte und 39 Verwundete, aber die Befrei» 
ung gelang nicht. 
Die Kriegsminister der süddeutschen Regierungen 
flttd wiederum nach langen Conferenzen heimgegangen, 
ohne sich in irgend wichtigen Dingen geeinigt zu haben. 
Bayern geht zur Rechten, Baden zur Linken und Würt 
temberg halb rechtS, halb links. ES ist die alte Ge 
schichte, die auch nach dem Jahre 1866 neu bleibt, daß 
sich gewisse Leute und Staaten in nichts einigen, bis 
die äußerste Noth oder Biemarck kommt 
Taxis Praxis ist e n altes Sprüchlein und es 
steckt etwas hinter der jahrhundertalten PostprariS der 
Tarife. DaS Vermögen der hinterlassenen Kinder deS 
Erbprinzen von TariS wird von dem Baron Dörnberg 
auf 16 bis 20 Millionen Gulden berechnet. Der Ba 
ron muß eS ziemlich genau kennen; denn er ist der 
Verwalter dieses Vermögens und hat dem Vormund der 
Km der, dem Kaiser von Oestreich Rechenschaftsbericht 
über dasselbe abgelegt. Gewöhnliche Sterbliche wären 
schon mit der kleinen Differenz zwischen 16 und 20 
Millionen zufrieden. 
Reutlinger Stillleben. Das Amtsblatt der gu 
ten Stadt, auch Reutlinger Sauf- und Freßblättle ge 
nannt, enthält in seiner Beilage von Rr. 180 auf vier 
schmalen Oktavseiten nicht weniger als 55 Einladungen 
zum Essen und Trmken; etliche dreißig zu neuem Wein, 
etwa ein Dutzend zu „bestbereitetem Kraut- — und 
Zwiebelkuchen", die übrigen zu andern guten Sachen, 
als da sind „Gänse — Hasen — Entenbraten"; auch 
„gutes fettes Hammelfleisch" und „ertra fettes Rind 
fleisch" wird fröhlichen Kunden als Speck aufgesteckt, 
und selbst Sonntags fehlt die „M»-tzelsuppe" nicht. Der 
heitere Einsender schließt folgendermaßen: Dieß den üb 
rigen Gemeinden des Landes zur Nachricht, damit fie 
nicht glauben, wir Reutlinger sitzen rm Leid. Das sei 
ferne von uns. Wir sind so stark und gesund, als un 
sere reichsfreien Väter, und was immer die Zeit uns 
noch auftischen mag, wir Werdens zu verdauen wissen. 
Es gibt auch in Preußen schlechte Patrioten Ein 
Berliner Apotheker lieferte im vorigen Kriege einem 
Vereine, der sich die Pflege verwundeter Krieger zur 
Aufgabe gestellt hatte, für 30,000 Thaler Arzneien. 
Bei späterer Untersuchung stellte es sich heraus, daß die 
meisten Medicamente kaum die Hälfte deS vorgeschriebe 
nen Inhaltes hatten, die Chinin-Pulver z B nur 2 statt 
4 Gran und die Opiumtinlturen nur den 3. Theil des 
vorgeschriebenen Gehalts. So kann mancher Cholera 
kranke gestorben sein, weil die ihm gegebene Opiumtink 
tur nicht den erforderlichen Gehalt hatte. Die Sache 
ist dem Staatsanwalt übergeben. 
Das Zeitalter der Dampfkraft. 
ES gibt kaum eine, noch so unscheinbare Erfindung 
und Entdeckung auf dem Gebiete der Raturwissenschaft, 
welche nicht einen bedeutungsvollen Wendepunkt im 
Leben der Menschheit zur Folge gehabt hätte. Das 
Schießpulver hat das alte Kriegshandwerk vollständig 
umgestürzt, durch den Compav ist die Welt um die an 
dere Hälfte größer und der atlantische Ozean ist das 
wahre Mittelmeer der Erde geworden; die Buchdruckel- 
kunst hat Aufklärung und Intelligenz in alle Kreise der 
bürgerlichen Gesellschaft getragen und dadurch zu der 
großen Kirchenverbesserung und zu zahlreichen andern 
Verbesserungen geführt. Aber nichts hat einen so gründ-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.