Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1867
Erscheinungsjahr:
1867
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1867/106/
Am Abend dieses Tages, an dem die letzte Scholle aus 
geworfen wurde, begab sich d»e Vaduzer Blechmusik zu 
den Arbeitern und diese hielten, in Reihen aufmarschi- 
rend mit klingendem Spiel ihren Einzug ins Dorf 
Die sämmtlichen Arbeiter, wohl an hundert, wurden 
alsdann auf dem Schlosse mit einem Trunke bewirthet 
Die Gemeinde hat damit ein schönes Stück Arbeit ge 
leistet und was das schönste ist, die Kosten sind mit dem 
letzten Arbeitetage ebenfalls bezahlt Gegenwärtig hat 
die Gemeinde Triefen die Entwasserungsarbeiten aufge 
nommen, nach deren Beendigung das Werk fürs ganze 
Land vollendet ist 
In Vaduz scheint es mit dem Kirchenbau Ernst 
werden zu sollen, indem die Gemeinde bereits ein Bau- 
komite ernannte, welches die nöthigen Vorlagen besor 
gen soll. Hauptsache ist wohl das Baukapital, woran 
noch ein gutes Stück fehlen dürste 
Im Salzburger Lande scheint es auch zu viele Feier 
tage zu haben Der östreichische Finanzminister erklärt, 
es gebe dort 150 Feiertage im Jahr 
Kaiser Napoleon sprach vor einiger Zeit von drohen 
den schwarzen Punkten. Diese Punkte sind vorhan 
den, der schwärzeste in Paris selbk. In der Kammer in 
Paris sieht er vor Aller Augen: er ist die neue Heeres 
vorlage. Napoleon beantragt ein französisches Heer von 
800,009 Mann und eine mobile Nationalgarde von 
450,000 Mann zu errichten; die Dienstzeit jedes Sol 
daten soll 9 Jahre betragen. Die moblle Nationalgarde 
soll in den Städten den Dienst versehen, während die 
Armee an den Grenzen steht Seit drei Tagen wird 
über diele Vorlage in der Kammer verhandelt, sie ist im 
Lande und in der Kammer ungeheuer unpopulär und ihr 
Schicksal' in der letzteren unsicher. Der Kriegsminister 
Riel, der einflußreichste Rathgeber des Kaisers, verthei 
digt sie. Ein anderer Revner, Baron David, sagte, die 
Vorlage müsse angenommen werden; denn jenseits deS 
Rheines gebe es eine siegestrunkene Militärpartei und 
in Italien eine revolutionäre Partei, die Frankreich feind 
lich sei. Die Selbsterhaltung (?) gebiete Frankreich die 
größten Anstrengungen. So wälzte er die Verantwort 
lichkeit auf zwei Nachbarländer, die beide nichts von 
Krankreich begehren, als daß man ihnen daheim freie 
Hand lasse unv nicht in ihre Angelegenheiten eingreife: 
keines will in Frankreich Eroberungen machen, aber auch 
keines dem französischen Machtspruch: So will ich's! 
sich unterwerfen. Andere Redner erklärten freimüthig: 
eine solche Menge von Soldaten schaffen, heiße den Krieg 
hervorrufen; man könne Frankreich nicht 800,000 Sol 
daten aufhalsen, ohne sie zum Kriege zn verwenden. 
Napoleon ist verstimmt und düster, fast sieht eS aus, als 
sei diese Heeresvorlage die letzte Karte, die er ausspielt. 
Derweil erstickt unter den Rüstungen hüben und drüben 
dAS alte, erhtbmde WeihnachtSlied: Friede auf Erden! 
Auf dem Kirchhofe zu Chlum befindet sich ein Grab 
mit einem eisernen Gitter umschlossen und ein Grabstein 
ckit den Worten: Dies ist das Grab des noch leben- 
^"lieutenantS N. N. Der Genannte war 
nämlich in t er Schlacht schwer verwundet und in ein 
KauS gebracht wörden. das am Wege lag. Die Sol 
daten meinten, der Offizier könne höchstens noch eine 
stunde leben und hatten ihm fein Grab gemacht Der 
Verwundete blieb indessen am "Leben und zum Anden 
ken an seine wunderbare Genesung ließ er den Stein 
mit jener eigenthümlichen Grabschnft yersehen. 
In der Nähe eines Marktfleckens in Niederöstreich 
befindet sich ein herrschaftliches Lchloß. In demselben 
Flecken war vor Kurzem großer Markt und der Haupt 
platz von Bauernvolk über und über angefüllt. Da 
kam der hochgeborne Herr des Schlosses in rasendster 
Carriere mit seiner Equipage angefahren. Er schien 
sich einen Jur machen zu wollen, Pferde und Wagen 
so recht mitten unter die Bauern hineinzujagen und sie 
auseinander zu treiben. Da fiel ein handfester Bauer, 
em Riefe an Gestalt, den Pferden m die Zügel, und 
ohne etwas zu sagen, führte er sie langsam durch dit 
Menge. Als jedoch der Menschenknäuel passirt war, 
sagte der Bauer zum gnädigen Herrn: „Jetzt han i dir 
zagt, wie bei uns gscheidte Leut' sohr'n Han!" Sprach'S 
und ging. 
Für die Kaiserin von Oestreich sind Kirchengebete 
bis zum April n. I. angeordnet. — Ein Tag löhner 
in Lmz wurde vor Schreck, daß seine Frau Drillinge 
zur Welt brachte, vom Schlage gerührt 
Geistliche Herren machten vor etwa zwanzig Jahren 
in Brüssel eine fette Erbschaft; zwei alte Damen star 
ben und setzten sie zu Erben ihres sehr großen Vermö 
gens ein. Die nächsten Verwandten mußten sich jamn 
mernd den Mund wischen Der Erzbiscbof von Mechel- 
erhielt aus der Erbschaft ein prachtvolles Gut in Lac 
ken und zwei große Zinshäuser in Brüssel. Dieser 
Tage machte er sein Testament und übergab eS dem 
Gericht; dann gibt er Gut, Schloß und Häuser sammt 
den Zinsen von 20 Jahren den natürlichen Erben zu 
rück, — worüber nicht nur bei diesen, sondern auch bei 
andern Leuten große Freude ist. 
Vor dem englischen Gerichsbof Old-Bailey steht John 
Smit, angeklagt, mit dem Oberleib in einen Golvwaa- 
renladen eingedrungen zu sein und so viel Ausstellungs 
gegenstände gestohlen zu haben, als er mit seinem Arm 
erlangen konnte. Sein Advokat betonte den Umstand, 
daß er den Einbruch nur mit dem halben Körper voll 
führt habe, was auch die Geschwornen bestätigten. Der 
Richter verurtheilte dann die schuldige Hälfte zu einem 
Jahr Zuchthnus und überließ eS dem Veturtheilten, ob 
er die unschuldige Hälfte mit sich nehmen oder aber 
von sich lostrennen lassen wolle. 
Vor dem Gerichte in Innsbruck standen zwei Nauser, 
beide Knechte und wie sie selber sagten „gute Freun 
de" zu einander. Bei einer Rauferei, wie sie nach 
ihrer Angabe unter „guten Freunden wohl öfter vor 
kommt", biß einer dem andern ein nicht unbeträchtliches 
Stück vom Ohre weg. Die „gute Freundschaft" bewie 
sen die Beiden auch vor Gericht. Als Entschädigung 
für den angerichteten Schaden verlangte der Gebissene 
von seinem Freunde nicht mehr, als daß er „dem Dok 
tor stme Schmier" zahle, welche 24. lr. gekostet habe. 
Der Beschädigte trug ihm statt deS Geldes, das er nicht 
h ibe, ein Paar gute Schuhe an, was der Gebissene akch
        

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