Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1866
Erscheinungsjahr:
1866
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1866/67/
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fordert, ihre Waffen und Rüstungsgegenstände dem Re- 
gkerungscommissar abzuliefern, worauf sie entlassee wer 
den sollen. — Der König Georg von Hannover hatte 
eine Proklamation an sein „getreues Volk" erlassen, wo 
rin er die Hannoveraner ermahnt „bleibt getreu euerem 
König auch unter dem Drucke der Fremdherrschast, ... 
haltet fest wie euere Väter, die für ihr Welfenhaus und 
ihr Land in nahen und fernen Ländern kämpften". .. . 
Als theuere Pfänder meines Vertrauens zu den getreuen 
Bewohnern meiner Hauptstadt ließ ich die Königin und 
meine Töchter, die Prinzessinnen zurück und begab mich 
sofort zu meiner auf mein Geheiß im Süden meines 
Königreichs rasch sich sammelnden Armee". — Diese 
Armee war nun freilich klein, und sah sich ringsum von 
den Preußen eingeschlossen. Nach wechselnden Gerüchten 
hieß es mehrmals die Hannoveraner seien gefangen, 
neuerlich meldet man nun ihr glückliches Entrinnen. 
— Glücklich entronnen ist auch der hannoveranische Fi- 
nanzminiüer, welcher mit dem Schatze des Königs, 85 
Geldkisten, in England eintraf. 
Auf ähnliche Weise, wie in Hannover handelten die 
Preußen in Kurhessen. Von dem Kurfürsten forderten 
ste Beitritt zum preußischen Bund und Abrüstung des 
Militärs. Der Kurfürst schlug alles rund ab. Darauf 
ward Kassel von preußischen Truppen besetzt, der preußi 
sche General v. Beyer setzte die Minister ab, und hält 
den Kurfürsten auf seinem Schlosse Wilhelmshöhe ge 
fangen. Der Schatz wurde nach Hanau geflüchtet, die 
Truppen waren schon vor dem Einzüge der Preußen ab- 
marschirt, um zu dem bei Frankfurt stehenden Armeekorps 
des Prinzen Alexander von Hessen zu stoßen. — Der 
kurhessischc Landtag zeigte sich nicht einverstanden mit 
der Handlungsweise der Regierung und hatte auch die 
Gelder zur Mobilmachung abgelehnt. Vielleicht sind die 
Abgeordneten nun eines andern Sinnes. ' 
Die Residenz des Herzogs von Mein ingen ist eben 
falls von Preußen besetzt. Der greise Herzog hat ab 
gedankt und das Land verlassen. 
— Das Herzogthum Anhalt-Dessau, welches ganz 
von preußischem Gebiete umschlossen ist, hat sich zu 
Preußen geschlagen; der anhaltische Gesandte wurde von 
Frankfurt abgerufen und das Contingent vereinigte sich 
mit den preußischen Truppen. 
— Auch Coburg-Gotha hält zu Preußen, sowie Lippe, 
Oldenburg und Braunschweig. 
— Den wichtigsten Griff machte Preußen mit der Be 
setzung des Königreichs Sachsen. König Johann setzte 
eine Landeskommission ein und begab sich mit seiner Ar 
mee nach Böhmen zu den Oestreichern, nachdem alle Ei 
senbahnbrücken gesprengt, die Schienen aufgerissen, die 
Kohlenmagazine angezündet und an 40 Locomotiven 
sammt vielen hundert Eisenbahnwagen nach Böhmen ge 
flüchtet worden waren. Der sächsische Staatsschatz, 600 
Ctr. Silber und 200 Ctr. andere Kostbarkeiten, ist nach 
München in Sicherheit gebracht worden. In dem be 
setzten Sachsenlande benehmen sich die Preußen in einer 
Weise, wie man ste nicht von „Bundesfreunden" erwar 
ten sollte. Alle Cassen wurden geleert, den Bürgern 
schwere Kontributionen auferlegt, und alle taugliche 
Mannschaft (Urlauber und Reservmen) ins preußische 
Militär eingereiht. Die Regierung des Landes führt 
ebenfalls ein preußischer Eommissär. 
Während nun ein Bundesland ums andere in Preu 
ßens Hände fällt, hat es der Bund noch nicht über sich 
vermocht, das inSchwabenland liegende Hohen zollern 
an sich zu nehmen. Noch fortwährend müssen dis Re 
servisten dieses Landes zur preußischen Armee einrücken. 
Ein anderes preußisches Besitztum, 3 Gemeinden in der 
Nähe von Lindau, wurde indeß kürzlich von bayrischen 
Freischaaren annerirt. Bei 30 junge Männer aus Lin 
dau machten sich eines Tags auf, bewaffnet mit Schieß 
gewehren, rückten in diesen Gemeinden ein, entfernten 
die preußischen Adler und übermalten sie blau-weiß, 
hielten Reden an die im Heu beschäftigten Bauern und 
bedeuteten ihnen, daß sie nun bayrisch seien. Gegen die 
Eroberer wurde ein Criminal-Prozeß eingeleitet. 
Die Würtemberger, Badener, Hessendarmstädter und 
Nassauer Soldaten sind als ein Armeekorps von 60,000 
Mann unter dem Befehle des Prinzen Alexander von 
Hessen in der Frankfurter Gegend vereinigt. Derselbe 
übernahm sein Commando aus den Händen der betref 
fenden Regierungen und wußte sich durch seinen einfa 
chen, kurzen Armeebefehl das allgemeine Zutrauen zu 
erwerben. Der Prinz stand bisher in östr. Diensten. 
Die Bundeskasse ist in der Festung Ulm in Sicherheit 
gebracht. Preußen hatte Hr. v. Rothschild verantwort 
lich gemacht für die Auslieferung dieser Gelder, weil 
nach preuß. Meinung der Bund aufgehört habe. Hr. v. 
Rothschild ist jedoch anderer Meinung. 
In Pankow bei Berlin wurden drei Landwehrleute 
einem Bauer ins Quartier gelegt. Dieser wies ste 
in den Stall und schickte ihnen einen Napf Grütze mit 
einem Blechlöffel. Da er auf ihre Protestationen ent 
gegnen: Für Ekch Herumtreiber ist das lang' gut! 
so fielen ste über ihn her und prügelten ihn durch. Der 
Offizier wurde herbeigerufen und gab den Soldaten 
Recht. Von den drei Landwehrleuten war einer ein 
Maurermeister, der andere ein Bauführer, der dritte ein 
tüchtiger Kaufmann. 
Schweiz. Die Gegenden Graubündens, welche ei 
nen Uebergang der Italiener auf Tirol gestatten, sind 
von eidgenössischen Truppen besetzt unter dem Befehle 
des Hrn. Oberst Salis. Die Schweiz ist genöthigt im 
Interesse ihrer Neutralität solche Truppenaufstellungen zu 
machen. Wenn auch die Kosten für die Eidgenossen 
schaft vorerst noch nicht bedeutend sind, so müssen es die 
Familien um so härter empfinden, deren Angehörige ein 
berufen wurden. Aber auch in anderen Beziehungen 
macht sich der Krieg bemerklich, besonders veroimmt man 
Klagen über Geschäftsstockung und Verdienstlosigkeit. 
— Aus Graubünden schreibt man, daß ein Hr. 
Ellis aus Genf mit zwei Rennthieren angelangt sei. 
Die beiden Ankömmlinge dürfen sich trösten, es habe in 
Bünden noch ausreichend Schnee, und Aussicht, daß zu 
den 120 ewigen Eisfeldern noch ein halb Dutzend neue 
kommen. — Nach der jüngsten Viehzählung besitzt die 
Scvweiz 100,464 Pferde, 991,722 Rindvieh, 304,062 
Schweine, 445,514 Schafe und 376,020 Ziegen. Der
        

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