Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1866
Erscheinungsjahr:
1866
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1866/4/
Zur Auswanderung. 
New-York, im Dezember. Bei dem ernst patriotischen 
Interesse, welches Sie — so schreibt der bekannte Be 
richterstatter der „Köln. Ztg." von hier — stets der 
Deutschen Auswanderungsfrage gewidmet haben, halte 
ich es für meine Pflicht, Sie auf ein Dokument auf 
merksam zu machen, welches speziell für Deutschland be 
rechnet ist und dort durch Spezialagenten verbreitet wer 
den soll. Es hat sich nämlich in Montgomery, im 
Staate Alabama, unter dem Namen „Agentur für weiße 
Arbeit" eine Gesellschaft gebildet, welche den südlichen 
Pflanzern an Stelle der durch den Krieg frei gewordenen 
Sklaven weiße Arbeiter verschaffen will, und sich zu die 
sem Ende nach Deutschland, dem grsßen Menschenmarkte, 
wendet. Mit anderen Worten soll der arme Deutsche 
die Plan:agenbesitzer für die Verluste entschädigen, welche 
ihnen die Emanzipation gebracht hat, Deutschland soll 
dem Süden das Königreich Dahomey ersetzen. So em 
pörend die Zumuthung an sich ist, so sind ihre speziel 
len Bedingungen noch cynischer. Danach hat sich jeder 
Arbeiter kontraktmäßig auf ein Jahr zu verpflichten, wo- 
Kr der Arbeitgeber an Männer 150, an Frauen 100 
Doll. und an Kinder von 12—Jahren 40—50 
Dollars nach Ablauf deS Jahres zu zahlen verspricht; 
davon werden indessen 16 Doll. per Kopf für Reiseko 
sten abgezogen. Als Beköstigung erhalten die Arbeiter 
Negerwtionen und als Wohnungen die seither von den 
Sklaven benutzten Negerhütten. Eine solche Ration be 
steht für den Mann pro Monat in 12 Pfd., für 
Frauen 8 Pfd., für Kinder 6 Pfd. Speck, 1 Bushel 
Maismehl, etwas Reis und zuweilen etwas Sirup. Die 
Ncgerhütten sind elende Löcher, haben selten Fenster und 
selbstredend nie ein Bett. Bei Krankheiten hat der Ar 
beiter selbst für Arzt und Medizin zu sörgen und der 
durch Krankheiten verursachte Zeitverlust wird vom Ar-^ 
beitgeber berechnet und abgezogen. Nun müssen Sie wis 
sen, daß die Arbeitszeit auf den Baumwollenplantagen 
von Tagesanbruch bis Abends 8 Uhr dauert, daß die 
Arbeit selbst unter einer glühenden Sonne und auf ei 
nem heißen Sandboden sehr anstrengend und die gebo 
tene Beköstigung nicht ausreichend ist, die Kräfte des 
Körpers zu erhalten. Außerdem sind fast alle nicht ans 
Klima gewöhnten Arbeiter, also sämmtliche Einwanderer, 
Krankheitsanfällen unterworfen, die ohne ärztlichen Bei 
stand leicht gefahrlich werden können. Würde nun ein 
Arbeiter auf einer nur 10 englische Meilen von der 
Stadt entfernten Plantage krank und müßte nach dem 
Arzte senden, so - würde die Doktorrechnung allein in 
wenig Wochen das Gehalt eines Jahres verschlingen 
und der Arbeiter am Ende desselben noch der Schuld 
ner des Arbeitgebers sein. Ein paar Jahre vor der 
Rebellion belief sich der Werth eines brauchbaren schwar 
zen Feldarbeiters auf 12—1800 Doll.; Sklaven, welche 
Handwerker waren, brachten mehrere tausend im Markte. 
Der Herr zahlte also für seinen Arbeiter, wenn wir nur 
10 Prozent für Zinsen des Kapitals und Abnutzung 
der Arbeitskraft rechnen, 120—180 Doll..pro Jahr. 
Zugleich aber lief er die Gefahr des Entrinnens deS 
Druck von Z. Graff's 
Sklaven, verlor das ganze Kapital, wenn dieser starb, 
hatte dir Kosten und Zeitversäumnisse für wirkliche und 
singirte Krankheiten^ zu tragen und schließlich den un 
brauchbar gewordenen Neger bis zu seinem Tode zu füt 
tern. Der jetzt an deutsche Adressen gerichtete Plan 
stellt den Herrn viel günstiger und schafft einen Zustand, 
welcher wo möglich die brasilische Sklaverei noch über 
bietet. Trotzdem wird es in Deutschland noch Gimpel 
genug geben, die sich bereitwillig einfangen lassen, und 
eben so wenig wird es an gewissenlosen Subjekten feh 
len, welche für ein paar Silberlinge Blutgeld ihre 
Landöleute der Knechtschaft überantworten. Warum er 
läßt man wohl derartige Aufrufe nicht" an den Franzo 
sen, Schweizer und andere Europäer? Einfach, weil 
die „^Vkite I^ador recht gnt weiß, daß matt 
ihnen nicht solche Infamien zumuthen kann, die sie un 
gestraft uns Deutschen bietet. Die „Nation der Den 
ker" zählt eben im Rathe der Völker kautn. anders mit 
denn als Objekt, als Waare, als Fleisch und Knochen, 
aus welchem der fremde Arbeitgeber seinen Vortheil her 
ausschindet. Oestreich und Preußen haben hier ihre 
diplomatischen Vertreter, einen Grafen und einen Ba 
ron, welche zu den südlichen Baronen in den freund 
schaftlichsten Beziehungen stehen, aber mit der Pflege 
freundschaftltchen Verhaltens zu den Washingtoner Be 
hörden zu beschäftigt sind, als daß sie um Dinge wie 
die obige Arbeiterfrage sich viel zu kümmern Zeit hätten. 
Sämmtliche deutsche Staaten und Stätchen haben in 
jeder größern Stadt der Vereinigten Staaten ihre Kon 
suln und Generalkonsuln; aber die Herren sind Kauf 
leute und begünstigen die Auswanderung, weil sie ihnen 
direkt und indirekt Nutzen bringt, und treten ihr deshalb 
auch in ihrer verwerflichsten Form nicht entgegen. Sie 
kümmern sich um ihre Landsleute oft nur so weit, als 
diese für jede Beglaubigung drei Thaler bezahlen. Wo 
her soll aber Abhülfe kommen, wenn die unabhängige 
deutsche Presse den Schwindet nicht brandmarkt und 
nicht den in der Montgomery'schen Aufforderung dem 
ganzen deutschen Volke in's Gesicht geschleuderten In 
sult gebührend zurückweist? 
Zur Nachricht. 
Diejenigen Abonnenten, welche mit dem Betrage 
1865 im Rückstände sind, werden um freundliche Rich 
tigstellung ersucht. Wer diese Nummer behält, wird auch 
pro 1866 als Abonnent eingeschrieben. 
Curs. 
Für 100 fl Silber wurden in Wien bezahlt: 
Samstag, den 30. Dezember . . fl. 104. Banknoten. 
Mtttwpch, den z. Jänner . . fl. 104. » 
Herausgeber: Gregor Fischer. 
Verantwortlicher Redaktor: vr. Schädler. 
Wittwe in Zeldkirch. "
        

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