Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1866
Erscheinungsjahr:
1866
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1866/120/
Sevelen. Den 7. v. Ms. wurde hier ein Zarmer 
Mann seltener Art beerdigt. Es war Heinrich Tisch- 
hauser, Wittwer. Er lebte seit mehr als 30 Jahren 
— Kinder hatte er keine — mit einer Haushälterin 
und einem Knechte in der elendesten Hütte, die in Se 
velen steht. Obwohl er der reichste Gutsbesitzer war, 
so aß er doch sein kärgliches Brod im Schweiße seines 
Angesichts. Kleider hatte er nicht bessere und nicht 
mehr, als jeder Bettler besitzt. Weltfreuden kannte er 
keine und wollte keine, als etwa Mitternachts nachsehen, 
ob seine Schätze im Keller drunten noch in Ordnung 
seien. Desto mehr freuen sich aber seine Erben. Was 
er an Kapitalien hinterläßt, ist uns nicht genau bekannt, 
aber an baarem Geld fanden sich 21,000 Fr., sage ein 
undzwanzigtausend Franken vor; zudem besitzt er noch 
Wiesboden, mit dessen Nutzen er sechs Städel süllte. 
Roquiesest in psee! (Oberl. Anz.) 
Ein renitenter Bäcker und das Polizeigericht. 
Vor einiger Zeit wurde ein Bäcker in Glarus von den 
Brodwägern ertappt, als er eben einen ganzen Schuß 
Brod in's Unterhaus beseitigt hatte, der nach den ersten 
Proben der Wäger durchweg viel zu leicht war. Des 
sen bewußt, sprang der Bäcker berbei und widersetzte sich 
mit Gewalt dem Fortwägen der Brode. Die Brodwä 
ger dachten: „Gewalt geht vor Recht", traten mit dem 
besabelten Dorf-Polizisten die Retirade an und verklag 
ten den renitenten Bäcker wegen Widersetzlichkeit und 
Vorentbaltung konfiskationsfähiger Brode bei dem Po 
lizeigerichte. Dasselbe büßte den rückfälligen Bäcker mit 
Fr. 20; — er hat also gegenüber ca. 30—40 der Kon 
fiskation verfallenen Brode finanziell ein gutes Geschäft 
gemacht und ist für die Widersetzlichkeit noch obendrein 
leer ausgegangen. 
Rom, 30 Oktober. Der Papst hat an die Kardi 
näle zwei Allokutionen vertheilen lassen, die er in dem 
letzten Konsistorium gehalten. In der ersten beklagt der 
Papst die Verfolgungen der Kirche durch die italienische 
Regierung, die Unterdrückung der religiösen Orden, die 
Einziehung der Kirchengüter und die Zivilehe; er ver 
dammt alle diese Maßregeln, indem er an den Tadel 
erinnert, welchen die Kirche gegen ihre Urheber aus 
spricht; schließlich erklärt er, nichts desto weniger Ita 
lien seinen Segen zu geben. Der Papst protestirt fer 
ner gegen die Invasion und Usurpation der römischen 
Provinzen, gegen das revolutionäre Projekt, aus Rom 
die Hauptstadt des neuen Königreiches zu machen; er 
erklärt sich bereit, selbst den Tod zu erleiden, um die 
geheiligten Rechte des päpstlichen Stuhles aufrecht zu 
erhalten und, wenn nöthig, in einem anderen Lande die 
nöthige Sicherheit für bessere Erfüllung seiner apostoli 
schen Mission zu suchen. Er ermahnt Fürbitte zu thun, 
damit Italien die Uebel bereue, die es der Kirche zuge 
fügt. — In der zweiten Allokution erklärt der Papst, 
Rußland verletze das Konkordat von 1848. Er erin 
nert an die Verfolgungen gegen die Erzbischöfe von 
Warschau und andere Bischöfe, an die Unterdrückung 
der legitimen Jurisdiction in den Diözesen, an die Un 
terdrückung der Mönchsorden in Polen, die Konfiskation 
der Kirchengüter und an die übrigen Akte zur Untere 
drückung des Katholizismus in Rußland. Der Papst 
schließt mit dem Wunsche, daß der Czar endlich seine 
Verfolgung der Katholiken einstelle. 
England. Die Rinderpest ist hier in stetem Abneh 
men begriffen, eS sind in der letzten Woche nur noch 14 
Fälle davon vorgekommen. Seit dem Ausbruch der 
Seuche sind nicht weniger als 253,702 Stück (zirka 
51 von jedem Tausend deS Rindviehstandes) davon be 
fallen worden; davon sind 124,303 gefallen und 84,992 
weitere mußten getödtet werden. — Von der dieser Seu 
che verwandten Schafpest wurden bis jetzt 6826 Stück 
befallen. 
Der Sultan bat in Wien ein Dutzend silberne Wie 
gen bestellt. Sein Aeltester hat aber nicht auf die 
Wiege gewartet, sondern ist einstweilen auf die Welt 
gekommen und hat sich Mehmed Salim nennen lassen; 
zwei Geschwister weiden ihm in den nächsten Tagen 
nachfolgen, aber Drillinge sinds nicht. 
Rußland. Aus Warschau wird folgender Vorfall 
berichtet: Nachdem es in den Landestheilen Litthauens, 
in denen die katholische Bevölkerung nur einen kleinen 
Bruchtheil ausmacht, zur Regel geworden ist, jedes neu- 
geborne Kind katholischer Eltern auch gegen deren Wil 
len von Amtswegen griechisch-orthodox taufen zu lassen, 
befahl General Kaufmann auch in Samogitien, das 
von einer durch und durch eifrig katholischen Bevölke 
rung bewohnt ist, mit dieser Art Russifizirung vorzuge 
hen. Ins Haus eines Bauern drang der russische Pope 
und taufte dort mit Gewalt das neugeborne Kind nach 
griechischem Ritus. Der hierüber in Wuth versetzte 
Vater, ein eifriger Katholik, erschlug sein eigenes Kind 
und stellte sich hierauf selbst dem Gericht mit der Be 
merkung, daß er jede Strafe der Sünde vorziehe, ein 
Kind als Ketzer zu erziehen. Gegen den Willen des 
Generals, der den mörderischen Vater am liebsten vor 
ein Kriegsgericht gestellt hätte, wurde der Vorfall dem 
Civilgericht übergeben und kam so im Jnstanzenzuge an 
den Senat nach Petersburg, wo die Gegner der Ruf- 
sifizirungswuth desselben sich bemächtigten, um dem Kai 
ser dte schrecklichen Folgen dieses Fanatismus klar zu 
machen. Der Kaiser sott von dem Vorfall höchst pein 
lich berührt worden sein und sofort die Absetzung Kauf 
manns befohlen haben. 
Den Spitzbuben in Amerika ist nichts heilig, nicht 
die Geldbörse in der Tasche deS Präsidenten. Der Ta 
schendieb Tolly stipitzte Johnson im Eisenbahnwagen 
das Geld aus der Tasche und hätte ihm die Krone vom 
Kopfe gestohlen, wenn derlei Kopfschmuck drüben üblich 
wäre. Die amerikanischen Staatsrechtslehrer streiten sich, 
ob er der Majestätsbeleidigung angeklagt werden könne. 
Curs. 
Für 100 fl Silber wurden in Wien bezahlt: 
Samstag, den 3. November . . fl. 127. 2ö Banknoten. 
Donerstag, den 8. November . . fl. 127. 25 » 
Herausgeber: Gregor Fischer. 
Verantwortlicher Redaktor: vr. Schädler. 
Dru» von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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