Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1866
Erscheinungsjahr:
1866
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1866/115/
Ein Bürger von Riva (Waadt) hatte in Lausanna 
auf dem Markt ein Fuder Stroh gekaust und wollte sich 
heimwärts begeben, als ihm der Beamte des Waaghau 
ses verrieth, daß beim Wagen die Frau des Verkäufers 
im Stroh verborgen gewesen und sich — um das Ge 
wicht zu vermehren — hätte mitwägen lassen. Der 
Käufer sagte nichts; aber als der Verkäufer, nachdem 
er bezahlt worden war, mit seiner Frau sich entfernen 
^ wollte, legte der Käufer die Hand auf die Achsel der 
Letztern und erklärte: da sich diese Frau habe mit dem 
Stroh wägen lassen und er die ganze Last bezahlt, so 
gehöre die Frau von Rechtswegen ihm und er behalte 
sie. Der Ehemann protestirt und bot selbst eine ziem 
liche Summe als Rückkauf, um seine Ehehälfte nicht in 
den Händen des (noch unverheiratheten) Bürgers von 
Riva zu lassen; Alles umsonst; der Letztere beharrte 
darauf, die Frau bis wenigstens nach der Weinlese zu 
behalten, d. h. so lange, bis sie das Kostgeld und den 
Betrag ihres Gewichts (105 Pfd.) abverdient hätte. 
Sie ergab sich in ihr Schicksal und zog dann mit ihrem 
neuen Herrn auf sein Dorf, wo sie sich heute noch 
befindet. 
Aus Reuß-Greiz. Daß der Staat Reuß-Greiz 
nur etwa 7 Geviertmeilen umfaßt, ist bekannt, und daß 
ein kleines Reich keine große Macht besitzt, ist ebenfalls 
nichts Neues. Daß aber die Unterthanen eines kleinen 
Staates schwieriger zu überwachen sind, als die eines 
großen, dürfte ziemlich neu sein, und doch spricht folgen 
der Vorfall dafür. Vor nicht langer Zeit „rottete" sich 
nämlich in Greiz eine kleine Schaar Bürger zusammen 
und faßte den Beschluß, noch Berlin zu ziehen, um dort 
zu vermelden, Reuß-Greiz wünsche preußisch zu werden. 
Dieses erfuhr die hohe Regierung zu Greiz, und sie gab 
allen Polizeidienern und Gendarmen den Befehl, zur be 
stimmten Stunde am betreffenden Bahnhofe zu erscheinen 
und die Wallfahrt nach Berlin zu verhindern. Das 
hatten die ehrsamen Bürger von Greiz erfahren und sie 
begaben sich zur geeigneten Zeit an das andere Ende 
des reuß-greizischen Reiches und schoben von dort aus 
ganz unbehelligt ab nach Berlin. 
Ein neuzeitiger Ohnehose. Ein spaßhafter Vor 
fall ereignete sich neulich auf der Lyoner Eisenbahn. Ein 
Buchhändler befand sich in einem von Landbewohnern 
überfüllten Coupee. Bald nachdem er eingestiegen, fühlt 
er die Stiche des bekannten Springers, gegen welchen 
kein Jucken, kein Schlagen hilft. Da der Unglückliche 
in Gegenwart der zahlreichen Fahrgesellschaft nichts ge 
gen den Feind unternehmen konnte, beschloß er, auf der 
nächsten Station ein leeres Coupe zu gewinnen. DieS 
gelang ihm und alsbald beginnt er einen Vernichtungs 
krieg. Er überzeugte sich jedoch, daß eine gründliche 
Abhülfe nöthig sei und so zog er denn die vom Feinde 
besetzte Hose herunter, um sie außerhalb des Fensters 
auszuschütteln. Hierbei aber widerfuhr unserm grimmig 
arbeitenden Buchhändler das Mißgeschick, daß gedachtes 
Kleidungsstück seinen Händen entschlüpfte. Der Zug 
brauste weiter, unbekümmert um den vor Schreck er 
starrten Ohnehose. Auf den nächsten Haltstellen wurde 
indessen die Verlegenheit erst groß. Neue Fahrgäste 
wollten einsteigen, wurden jedoch durch den Buchhändler 
daran verhindert, welcher durch das Fenster der Portiere 
mit den Armen wüthend um sich schlug. Das Bahn 
personal glaubte, man habe es hier mit einetn Verrück 
ten zu thun, und so wurden denn durch den Telegraph 
an der nächsten Hauptstation einige Gensdarmen bestellt, 
welche sich des angeblichen Verrückten bemächtigen soll 
ten. Erst diesen gelingt eS, den wahren Sachverhalt 
festzustellen und alsbald war der unglückliche Buchhänd 
ler durch ein Paar vom Jnstruktor geliehene Beinkleider 
aus der Noth befreit. 
Bei der französischen Armee wird jetzt ein Gewehr 
eingeführt, das das Zündnadelgewehr noch übertreffen 
soll. Die von der Militärcommission im Lager zu Cha- 
lons empfohlene Flinte Chassepot gibt in einer Minute 
sieben Schüsse ab. In St. Etienne wird bereits rüstig 
an dem Gewehr gearbeitet. Es soll den Namen Mu- 
sterstinte (fusil l!e moäele) von 1866 bekommen und die 
100 Regimenter Infanterie sollen noch vor Eintritt des 
Winters damit bewaffnet werden. 
Die Ernte-Nachrichten aus Frankreich lautend fort 
während wenig befriedigend. Die Kartoffeln namentlich 
haben durch die übermäßige Feuchtigkeit stark gelitten 
und faulen mit reißender Geschwindigkeit. Das Ergeb 
niß der Runkelrüben-Ernte steht noch nicht fest. Was 
den Wein betrifft, so ist das jetzige schöne Wetter der 
Lese sehr zu gute gekommen, und der Quantität nach 
wird der Ertrag eben nicht unbedeutend sein. Die Qua 
lität aber bleibt sehr mittelmäßig. — Unter den in Lyon 
zur Unterstützung der beschäftigungslosen Arbeiter ge 
machten Vorschlägen geht einer dahin, 12,000 Seiden 
kleider ä 150 Fr. per Stück zu verlosen. 
Fran Times in London prophezeit, daß König Wil 
helm in der ersten Sitzung des norddeutschen Parlaments 
zum Kaiser von Deutschland werde ausgerufen werden. 
Die Stadt Leipzig unterdält ohne jegliche Beihülse 
des Staats 2 Gymnasien, 1 Realschule, 5 Bürgerschulen 
und 4 Freischuten. Unter den Gymnasiasten sind viele, 
die Wohnung, Kost und Unterricht unentgeltlich erhalten. 
Wenn die Sachsen ihre Bergfestung Königstein einen 
Edelstein genannt haben, so haben sie, ohne es zu wissen. 
Recht gehabt; denn in der Festung lagen 11 Millionen 
Thaler, M. inevAiüw. Dieser Schatz scheint jetzt ge 
hoben zu sein. 
Keine Stadt der Welt hat so viel für Volksbildung, 
für Erziehung im Allgemeinen, für Schulen und Lehrer, 
für alle Bildungsmittel und Veredlungszwecke gethan, 
wie Boston in Amerika. Auf jedes Schulkind der 
Stadt werden jährlich im Durchschnitt fast zwanzig Dol 
lars Schulgeld aus öffentlichen Mitteln hergegeben, ganz 
ungerechnet die Summen, welche aus Privatbeuteln flie 
ßen. Die Schulhäuser sind Paläste, die Lehrergehalte 
sind ganz anständig, die Fürsorge für stete Hebung des 
Schulwesens ist über die weitesten Kreise verbreitet. Je 
der Bostoner betrachtet die Schulen als die besten Ver 
sicherungsanstalten für den Himmel, wie gegen alleö 
Unglück der Erde. Der Handwerker mit siebenhundert 
bis tausend Dollars Jahreseinkommen verwendet davon 
mindestens zwei- bis dreihundert Dollars auf die mög-
        

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