Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1865
Erscheinungsjahr:
1865
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1865/49/
Griechenland geht seinem vollständigen Ruin 
entgegen. Wie sollte auch ein König, der noch in den 
Knabenjahren steht, ein zerrüttetes Reich wieder aufrich 
ten können? Es kann in kurzer Zeit dahin kommen, daß 
der König flüchten muß. England und Frankreich wer 
den schwere Sorgen haben, bis sie dann wieder ein an 
deres Staatsoberhaupt auftreiben. — Griechenland fallt 
als ein Opfer des Ehrgeizes und der Habsucht einzelner 
Wühler von Profession und das verkommene in Rohheit 
und Unwissenheit versunkene griechische Volk findet in 
sich nicht die Kraft und die Fähigkeit der Gesetzlosigkeit 
ein Ende zu machen. Da könnte nur die starke, aber 
wohlwollende Regierung eines Einzelnen oder einer Verei 
nigung edler Männer helfen, welche von lauterer Absicht 
beseelt sind. Man baut keinen Staat auf durch Ver 
fassungen und Gesetze auf dem Papier, wohl aber durch 
ihre gewissenhafte Durchführung und Anwendung im 
Leben, vor allem aber durch Bildung und Veredlung 
des Volkes, durch Erziehung und Unterricht von früher 
Jugend an; durch ermunterndes Beispiel der Erwachse 
nen und durch Verachtung der Charakterlosigkeit, der 
Augendienerei und Lüge im öffentlichen Leben. 
— Kaiser Mar von Mexiko borgt in Paris eine 
Summe von 170 Mill. Fr., wofür er 250 Mill. ver 
schreiben muß. Der Zins beträgt fast 9 Prozent. 
— Mexikanische Posten. Ein deutscher Reisen 
der war bei einem mexikanischen General zu Gaste. Es 
wurde ein Gericht wohlschmeckender frischer Seefische auf 
getragen, der Reisende war deshalb erstaunt, da man 
doch so weit von der See entfernt sei und da eine Post- 
verbindung fehle. Der General antwortete: „Vom Meer 
an bis zu mir besteht fort und fort eine Postlinie aus 
meinen indianischen Kindern; alle 5 Meilen steht ein 
Mann; sobald nun die Fische im Meere gefangen sind, 
bringt sie der erste in Sturmeseile dem zweiten u. s. w. 
bis es zu mir gelangt. Da diese Leute immer die ge 
radeste Linie einhalten, so erreichen mich Botschaften aus 
weiter Ferne in unglaublich kurzer Zeit." 
— Aus Nordamerika. Das Ende deS Krieges 
wird immer wahrscheinlicher. Nach einer dreitägigen 
Schlacht fielen Richmond und Petersburg, die letzten Halt 
punkte der Rebellenstaaten, l 5,000 Mann Rebellen sind 
getödtet, 25,000 gefangen. Der Friede wird unzweifel 
haft in kurzer Zeit zustand kommen. Aber es scheint, 
als trübe sich der Himmel schon wieder in einer andern 
Richtung mit gewitterschwangeren Wolken. Das treu 
lose Benehmen der Engländer und Franzosen während 
des jetzigen Krieges hat das nordamerikanische Volk aus's 
Tiefste verletzt und es reden deshalb Viele von einem 
Kriege mit England. Auch das Kaiserthum Mexiko kann 
von Nordamerika leicht einen Stoß erhalten, der eS um 
wirft. Freund und Feind in Nordamerika sind darüber 
einig, daß man an der Grenze der Vereinigten Staaten 
keine Monarchie dulden dürfe. Kommt es wirklich mit 
einer oder der andern Nation zum Kriege, so wird der 
Sieg wahrscheinlich auf amerikanischer Seite sein; denn 
die amerikanischen Soldaten haben in dem vierjährigen 
Kriege eine Schule durchgemacht, wie kein anderes Heer 
der Welt. — Es hätte mancher seine Freude, wenn die 
eigennützigen, gewinnsüchtigen Engländer eine tüchtige 
Lektion bekämen. 
In Boston wohnte eine Wittwe, Namens BigSby, 
welche fünf ihrer Söhne auf dem Schlachtfelde verloren 
hat, während ihr sechster in einer der letzten Schlachten 
schwer verwundet wurde. Als der Präsident Lincoln hie^ 
von erfuhr, richtete er an Frau Bigsby folgenden Brief: 
„Liebe Frau! In den Listen im Kriegsdepartement hat 
man mir einenBericht des Generaladjutanten von Mas 
sachusetts gezeigt, wonach Sie die Mutter von fünf 
Söhnen sind, welche glorreich auf dem Schlachtfelde 
starben. Ich fühle, wie schwach und vergeblich jedes 
meiner Worte sein würde, durch das ich versuchen wollte, 
Sie hinsichtlich des Schmerzes über einen so überwälti 
genden Verlust zu trösten. Aber ich kann nicht umhin, 
Ihnen den Trost darzubieten, der in dem Dank der Re 
publik liegt, für deren Rettung Ihre Söhne gestorben 
sind. Ich bete, daß unser himmlischer Vater die Qual 
Ihrer Beraubung lindern und Ihnen Ihren einzigen 
Sohn, sowie das theure Andenken der verlorenen Lieben 
und den feierlichen Stolz lassen möge, der Ihnen aus 
dem Bewußtsein erwachsen muß, daß Sie ein so kostba 
res Opfer auf den Altar der Freiheit gelegt haben. Ach 
tungsvoll Ihr aufrichtiger Lincoln." 
— Waadt. In Vivis hat ein eigenthümlicher Dieb 
stahlsversuch stattgefunden. Vor einigen Tagen brachten 
einige Individuen eine große schwere Geldkiste zum Ban 
kier N. mit der Bemerkung, sie gehöre zu den Effekten 
eines Engländers, welcher — da er seine Werthsachen 
in dieser Kiste aufbewahre — wünsche, daß sie Hr. N. 
in Verwahrung nehme, bis er selbst nach Vivis kommen, 
werde. Der Bankier sagte zu und ließ die Kiste in 
einer Ecke des Komptoirs aufstellen. Der Hund deS 
Bankiers hatte den ganzen Hergang mit besonderer Auf 
merksamkeit verfolgt, schnüffelte nun an der Kiste herum 
und fing dann dergestalt an zu kratzen und zu bellen, 
daß Hr. N. den Friedensrichter nebst einigen handfesten 
Polizeiagenten holen ließ. Die Kiste wurde nun geöffnet 
und enthielt einen fremden, höchst verdächtig aussehenden 
Kerl, der Waffen und Brechinstrumente mit sich führte 
und nun sofort, ehe er nur eine Bewegung machen 
konnte, mit Handschellen versehen und abgeführt wurde. 
— Das alte Volkswort: Was der März nicht will, 
das nimmt der April, scheint in diesem Jahr sich beson, 
ders geltend zu machen, da an vielen Orten die Sterb 
lichkeit nicht ab- sondern zunimmt. 
— In Bayern scheint der Genickkrampf immer 
weiter sich auszudehnen. Es sind bereits in und bei 
Augsburg Fälle vorgekommen. In Haustetten, einem 
Dorfe bei Augsburg, sind drei Kinder an einem Tage 
daran gestorben. 
— Mit der sibirischen Pest, die in Petersburg 
herrschen soll, soll eS zwar nichts sein, dagegen hat der 
böse Flecktyphus schon viele Menschen hinweggerafft. 
ES sind über 800 Menschen daran erkrankt und davon 
2V Prozent gestorben. 
— Der Telegraph nach Amerika wird mm 
doch noch zu Stande kommen. In London bereitet man
        

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