Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1865
Erscheinungsjahr:
1865
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1865/11/
schätzte, gestohlen worden. Er machte die Anzeige und 
beschuldigte einen andern Bauern, der gleich ihm weiße 
Gänse besaß, des Diebstahls. Um seine Verdachtsgründe 
befragt, konnte er keinen andern Grund angeben, als 
den, daß nach ihm gewordenen Mittheilungen der von 
ihm Beschuldigte Tags vorher Gänse verkaust haben 
solle. Er werde daher den Abgang durch die gestohlenen 
Gänse gedeckt haben. 
Der Verkauf konnte jedoch nicht erwiesen werden. Die 
Sache des Klägers stand somit schlimm, um so schlimmer, 
als der Beschuldigte als ein wohlhabender Mann be 
kannt ist und niemals eine unredliche Handlungsweise 
sich hatte zu Schulden kommen lassen. 
Man zeigte dem Bestohlenen sämmtliches Geflügel des 
Angeklagten, doch die Gänse waren alle gleich weiß. Ein 
Erkennen der gestohlenen war daher nicht möglich Da 
bat er den aus- drei Richtern bestehenden Gerichtshof, 
man möchte sämmtliche Gänse des Beschuldigten auf die 
Haide lassen, man werde sich überzeugen, daß zehn davon 
am Abend zu ihm (dem Kläger) nach Hause zurückkeh 
ren werden. Dem Antrage wurde stattgegeben, und die 
Bewohner des Orts- sahen das interessante Schauspiel, 
daß Gänse von einem Kommissär und einem Amtsdiener 
aus die Weide getrieben wurden. Die Hoffnung, die 
der Bauer in die Ortskenntniß seiner Gänse setzte, wur 
de nicht getäuscht. Abends schnatterten zehn Gänse vor 
seiner Thür und wurden im heimischen Hofe freudigst 
empfangen. 
Schon Tags darauf sprachen die Geschwornen den 
Angeklagten schuldig, worauf der Gerichtshof dem wohl 
habenden Manne eine 4jährige Gefängnißstrafe zuer 
kannte. 
— Der Magistrat zu Nürnberg hat beschlossen, 
zum Wiederaufbau des abgebrannten Thurmes der Lo- 
renzerkirche 25,000 fl. aus städtischen Mitteln beizu 
steuern. Man schlägt die Kosten beiläufig auf 50,000 
fl. an. An freiwilligen Beisteuern, wozu aufgefordert 
ist, wird es in Nürnberg nicht fehlen. 
— In Nürnberg ist ein närrischer Prozeß gegen 
wärtig vor Gericht anhängig. Vor etwa 9 Monaten 
starb ein dortiger Kaufmann und hinterließ ein sehr be 
deutendes Vermögen. Sobald die Beerdigung vorbei 
war, veranstalteten eine Anzahl entfernter Verwandter 
und andere Betheiligte, in der Meinung, es sei ein Te 
stament zu ihren Gunsten vorhanden, eine Champagner- 
Suite mit Musik, waren bis zum frühen Morgen lustig 
und verschwelgten so über 1000 Gulden. Nun stellte 
sich aber heraus, daß gar kein Testament vorhanden war 
und der wirkliche und einzige Erbe ist so ungefällig, die 
Rechnung für die Jubelfeier beim Tode seines Bruders 
nicht zahlen zu wollen. Das Gericht soll nun entschei 
den, wer die Rechnung zu bezahlen hat und braucht's 
dazu keines Salomo's. 
— In Bern und Zürich in der Schweiz hat man 
beobachtet, daß unter den Singvögeln, welche im 
Winter vor den Fenstern der Wohnungen ihr Futter zu 
suchen Pflegen, die Meisen und Finken fehlen. Die 
Schweizer meinen, dies Ausbleiben beruhe auf einer 
Haushaltungsmaßregel der Natur; vor 5 Jahren seien 
die Spechtmeisen, vor 4 die Blau- und Kohlmeisen, in 
andern Jahren die Finken im Uebermaße da gewesen; 
dieses Jahr scheinen die Spatzen die Herrschaft zu füh 
ren. 
— Es scheint, die Vögel sind bessere Wetterpro 
pheten als Herr Mathieu in Paris, dessen Weissagun 
gen kürzlich in der Landeszeitung mitgetheilt worden sind. 
In einem Walde bei Kurzenberg, im Kant. Bern, fan 
den zwei Holzer in der ersten Woche des Januar ein 
Volgelnest mit zwei jungen Vögelchen, die zum Ausstie 
gen bereit waren. Auch eine Seltenheit zu dieser Jah 
reszeit. 
— Für Liebhaber des Kretzer! Von einer mo- 
hamedanischen Sage werden die verschiedensten Wirkun 
gen des Weines folgendermaßen erklärt: Als Noah den 
ersten Weinstock gepflanzt hatte, trat in der Nacht dar 
auf der Satan herzu und sprach: „Liebe Pflanze, ich 
will dich düngen." Und er schlachtete ein Lamm, dann 
einen Löwen und zuletzt ein Schwein, und goß das Blut 
aller drei Thiere rings um das Gewächs. Darum macht 
der Wein, mäßig genossen, das Menschenherz milde wie 
ein Lamm; trinkt er mehr, so wird er aufgeregt wie ein 
Löwe; überschreitet er endlich das Maß gar zu sehr, so 
verliert er seine Sinne und wälzt sich wie ein Schwein 
im Kothe. 
— Man berechnet, daß in den Monaten November 
und Dezember über 40,000 Saum Veltliner in den Kan 
ton eingeführt worden sind; auch im Monat Januar 
wird der Handel schwunghast betrieben. Tag für Tag 
kommen Ladungen mit Lägeln und Fässern in Chur an. 
— Gefährliche Wißbegierde. Auf der Eisenbahn bei 
Holzkirchen wurde ein Bauernjunge mit dem Rücken 
auf den Schienen liegend gefunden und nach ein paar 
derben Püffen befragt, was er habe machen wollen. — 
„Mir die Lokomotive von unten ansehen!" antwortete 
er. 
— Als kürzlich der Lehrer in L. an eine bessere Stelle 
versetzt werden sollte, traten die wohlhabenden Eltern 
schulpflichtiger Kinder zusammen und bewilligten dem tüch 
tigen Lehrer aus eignen Mitteln eine jährliche Zulage 
von 52 Gulden, um ihn der Schule und Gemeinde zu 
erhalten. 
— Der große Schneefall in Südfrankreich hat 
viel Unglück angerichtet. Vielen Reisenden erfroren in 
den Eisenbahnwagen die Gliedmaßen, dem Erzbischof von 
Avignon beide Füße. 
— Als Port Hudson noch im Besitz der Konföderir- 
ten war, welche von diesem Fort aus die vorübersegeln 
den Schiffe bombardirten, machte Farraguts Flotte ei 
nen glücklichen Versuch, den gefährlichen Ort zu passiren. 
Der Admiral hatte seinen Sohn bei sich — ein Bürsch- 
chen von etwa zwölf Jahren — der seinen Vater immer 
mit der Bitte Plagte, ihn nach der Kadettenanstalt West- 
Point zu schicken, weil er Soldat werden wollte. Der 
alte Farragut aber suchte ihn mit dem Entwürfe zu be 
scheiden: „DaS wird sich nicht machen; ich glaube nicht, 
daß du Courage genug hast, dich dem Feuer des Fein 
des auszusetzen." „O gewiß, Vater, gewiß habe ich
        

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