Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1864
Erscheinungsjahr:
1864
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1864/136/
Hoheit, viele Vertreter deutscher Staaten und keine deut 
sche Vertretung; viele Heere und Truppen, mehr zum 
Frieden als zum Krieg, und kein deutsches Heer; Zoll 
schranken mehr zur Hemmung als zum Schutze u. s. w. 
Die Erziehung und Bildung ist keine nationale und die 
Schule ist von der Fremde abhängig. — Die 
Erziehungsrichtung ist eine kleinstaatliche und für alles 
ist eher gesorgt, als für die Erweckung und Kräftigung 
eines nationalen Bewußtseins. — Die Deutschen sind 
im Auslande nicht vom Bewußtsein eines mächtigen na- 
5 lionalen -Schutzes getragen, nur wie Verlorene unter 
fremden Völkern, ohne Ansehen, ohne Achtung, ohne 
Geltung von nationaler Seite. 
Einer Staatskunst von so nachtheiligen und zerstören 
den Folgen muß auch der Billigstdenkende jede Berechti 
gung absprechen; übrigens hat sie ihre Sendung längst 
hinter sich und muß jedenfalls dem Schicksale folgen, 
dem die ganze Natur unterliegt. Das Jahr 1848 hatte 
den Rückgang und Verfall dieser Auflösungspolitik an 
gekündigt; die Frage ist nur mehr, welchen 
Weg der Verfall nehmen werde. Jede Neugestaltung 
hat nur zwei Wege, jenen der Vernunft oder jenen der 
Gewalt. Noch haben die Fürsten Deutschlands den er 
sten glücklichen Weg ganz in ihrer Hand, mögen sie zu 
rechter Zeit handeln, daß nicht das furchtbare „Zu spät" 
auch über Deutschland komme." — 
Nach der Ansicht des Verfassers wäre es gar keine 
so schwierige Aufgabe, die deutsche Einheit zu schaffen, 
denn kein deutscher Staat könne dabei etwas verlieren, 
alle nur gewinnen, besonders aber die Mittel- und Klein 
staaten. Die brauchen „in Wirklichkeit" gar keine Opfer 
zu bringen. Im einheitlichen Deutschland werde die 
Vertretung der Nation und das Recht des Krieges und 
Friedens zu den wesentlichen Rechten der Reichskrone 
gehören. „Beide diese Rechte besitzen die kleineren deut 
schen Staaten in Wirklichkeit nicht, höchstens einen 
Schein davon. — Was haben die Klein- und Mittel 
staaten für eine Vertretung im Auslande? In den mei 
sten Ländern der Erde gar keine; und was bedeutet die 
Schaar deutscher Vertreter in den auswärtigen Haupt 
städten Europas? Sie verkörpern zur großen Freude 
der Fremden und Erleichterung ihrer Umtriebe das Bild 
deutscher Unmacht, können zu Gefallen der machtigen 
Herrscher sprechen und ihre Rechte von ihnen als Gnade 
erbitten, wo ist hier das Recht und die Würde der Na 
tion oder ihrer Glieder vertreten? Das vermögen in 
ihrer Trennung nicht einmal allenthalben Oestreich und 
Preußen. Erst durch die Reichsmacht erlangt der Bayer, 
der Württemberger u. s. f. wieder eine wahre Vertre 
tung , was zum Theil auch vom Oestreicher und Preu 
ßen gilt. Vom Rechte des Kriegs ist nicht 
nöthig viel zusprechen; mit wem will Bayern oder Koburg 
Krieg führen? — Das einzelstaatliche Recht des 
Krieges und Friedens ist eigentlich nur das 
Recht, den Krieg zu hemmen, wo er für die 
Nation nothwendig ist, und Frieden zu schlie 
ßen, wo er derselben verderblich ist. 
Wir übergehen seine detailirten Vorschläge zur Be 
gründung einer Bundesreform, die schließlich auf eine 
TriaS hinauslaufen und setzen nur noch einige Bemer 
kungen hinzu, welche Oestreich gelten. „Mit der alten 
Zeit muß endlich ganz gebrochen, jeder Fremde Einfluß 
für immer entfernt und das verjüngte Oest 
reich nach den Gesetzen der Vernünftigkeit aufgebaut wer 
den. Dann wird , die Gemeinde sich frei 
bewegen, der Gedanke und das Wort von ihren Banden 
befreit . In neuster Zeit hat die Regie 
rung wirklich auf diesen Weg eingelenkt . Möge 
sie sich nicht durch die hochadeligen Stimmen des Reichs 
raths beirren lassen; der Zustand des Reiches und der 
Krieg von 1859 bekunden laut, daß zur Führung deS 
Staates und des Heeres andere Erfordernisse gehören 
als hohe Geburt." 
Wir schließen diese Mittheilungen und bemerken nur 
daß noch weit mehr der Anführung werth wäre, daß 
wir aber Anstand nehmen Einzelnes in unserem Blatte 
wiederzugeben. Wen es interessirt, der wende sich an die 
Schrift selbst. 
Keine politische Rundschau! Es wär' eine 
Sünde, dem gemüthlichen Leser seinen heutigen Sylvester- 
Humor zu verderben mit einer Rundschau über die mi- 
serabelen politischen Händel in allen 5 Erdtheilen, vor 
Allem aber im lieben deutschen Vaterlande. Nein, wir 
wollen im alten Jahre kein Wort mehr verlieren über 
diese jämmerliche Politik. Gott bess're sie im neuen 
Jahre! 
Allerhand Neuigkeiten. 
Leute, die ihm ins Konzept gesehen haben wollen, ver 
sichern, Kaiser Napoleon studiere diesmal an einer 
Neujahrsgratulation, die aller Welt gefallen werde. Er 
will, wie sie sagen, ankündigen, daß er einen großen 
Theil seines Heeres heimschicken werde, und den andern 
Potentaten empfehlen, dasselbe zu thun. Wir wollen 
hoffen, daß die Prophezeiung zutrifft und daß das gute 
Beispiel so pünktlich befolgt wird, wie das schlimme 
Erernpel. 
Papst PiuS lX. unterhielt sich mit einem Kardinal 
über die gefahrliche Lage der Kirche. — Wir haben 
nichts zu fürchten, heiliger Vater! denn eö steht geschrie 
ben, daß St. PeterS Schifflein niemals scheitern wird. 
— Ja, antwortete der Papst, das ist recht gut für das 
SchifAem, aber wie stehts um die Mannschaft? 
In Sibirien wächst ein neues Polen heran. Mura- 
wieff allein, der berüchtigte russische Gouverneur, soll 
über 100,000 Polen nach Sibirien geschickt haben; von 
637 lithauischen Gutsbesitzern polnischer Herkunft sollen 
nur noch 7 auf ihren Höfen sitzen. 
— Ein berühmtes englisches Rennpferd wurde mit 
70,000 fl. ö. W. bezahlt. 
— Die Sängerin Patti, welche gegenwärtig in allen 
größeren Städten sich hören läßt, bekommt von dem Un 
ternehmer dieser Sängerfahrt, Ullmann, den Iahresgehalt 
von 54,000 fl. ö. W., freie Station und freie Fahrt. 
Nebst ihr hat Ullmann noch 3 Künstler, Geiger und 
Klavierspieler, angeworben, wovon jeder 18,000 fl. per
        

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