Herausgeber:
Liechtensteiner Landeszeitung 1863-1867
Bandzählung:
1864
Erscheinungsjahr:
1864
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000081309_1864/119/
-Liechtensteiner -Landeszeitung. 
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Vaduz, Samstag 
Nro. Ä I. 
den 22. Oktober 1864. 
Dieses Blatt erscheint monatlich regelmäßig 2mal, nur zur Zeit der Landtagsverhandlungen öfter, und kostet für das 
Fürstentum Liechtenstein ganzjährig 1 fl., auswärts 1 fl. 50. — Einrückungsgebühr für die gespaltene Zeile 4 Nkr. — 
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und Verordnungen, sowie die Landtagsverhandlungen erscheinen in Beilagen, wofür ganzjährig 50 Nkr. ferner zu bezahlen find. 
Das Furstenthnm Liechtenstein eine 
östreichische Provinz. 
ES wird der A. Mg. Ztg. aus London geschrieben, 
man habe Nachricht von Wien „der regierende Fürst von 
Liechtenstein sei unzufrieden mit seinen Unterthanen und 
wolle sie „zur Strafe und Besserung" östreichisch 
machen; es werde daher binnen Kurzem das Fürstenthum 
in Oestreich aufgehen." Unsere Bekanntschaften reichen 
nicht bis Wien, um ergründen zu können, was an der 
Sache ist. Sicherlich stammt diese Nachricht nicht von 
einem guten Freunde Oestreichs. Ein solcher würde 
Oestreich nicht als eine Strafkolonie hinstellen, wie es 
in diesem Falle geschieht. Und was Liechtenstein betrifft, 
so wird Jeder, der in unserem Lande die Beziehungen 
zwischen Fürst und Volk naher kennt, in dieser Zeitungs-- 
nachricht nichts anderes erblicken, als einen schlechten 
Witz, wie sie alltäglich zum Spotte der deutschen Klein 
staaterei sabrizirt werden. Es ist zwar noch nicht verges 
sen, daß man früher hie und da die Abtretung des Lan 
des an Oestreich den Liechtensteinern als eine Drohung 
vorgehalten hat; auch gibt es noch heute nicht wenig 
Liechtensteiner, welche aus gewissen Vorgängen, z. B. 
aus dem Verkaufe verschiedener Domänenbestandtheile 
Argwohn schöpfen. Allein nach unserer Ansicht sind diese 
Dinge keiner weiteren Beachtung werth. Wir wollen 
zum Beweise unserer Ansicht nicht daran erinnern, daß 
zu einer rechtsgiltigen Abtretung des Fürstenthums die 
Zustimmung des Landes erfordert würde; man darf sich 
dem gegenüber bloß an die Thatsache erinnern, daß seit 
dem Erlaß des neuen, vom Fürsten beschworenen Staats 
grundgesetzes Negierung und Landtag sich stets in Ueber 
einstimmung befanden, und daß die Beschlüsse des Land 
tags stets unbedingt und unverweilt die Sanktion Sr. 
Durchlaucht erhalten haben. Für eine Unzufriedenheit 
des Souveräns ist also nicht der mindeste Grund gege 
ben; das Land hat im Gegentheile viele entschiedene Be 
weise von dem wärmsten Interesse, welches der regierende 
Fürst für das öffentliche Wohl hegt. 
Eine Gefahr für die Selbstftändigkeit des Fürstenthums 
ist nur in -dem Falle denkbar, wenn in Deutschland das 
neu-italienische Staatsrecht zum Durchbruch kommt, wo 
nach die übrigen Bundesstaaten von einem einzigen ver 
schlungen würden. Solche Gedanken spucken heutzutage 
nicht bloß in einzelnen Köpfen, es werden allmählich gar 
viele, und sonst sehr vernünftige Leute von ihnen durch 
drungen. Viele erkennen darin das einzige Mittel zur 
Rettung Deutschlands, und zur Herstellung der nationa 
len Einigung. Aber, wenn man diese Bahn verfolgen 
wollte, würde man dann bei den Kleinstaaten anfangen? 
— Das wäre eine unnöthige Mühe. Sind einmal erst 
die Mittelstaaten von der Landkarte verwischt, dann ist 
es ohne Weiteres auch um die kleinen geschehen. So 
lange aber die Mittelstaaten bestehen, haben auch die 
Kleinen ein Recht auf ihre Selbstftändigkeit. Jedes, auch 
das geringste Opfer von Seite der Letzteren ist werthlos, 
weil trotzdem die Zerrissenheit und nationale Ohnmacht 
Deutschlands von den Staaten zweiten Rangs verewigt 
werden würde. Zudem, die Neuzeit hat es sonnenklar 
bewiesen, daß auch der mächtigste Staat des „übrigen 
Deutschlands" in allgemeinen deutschen Fragen so 
ohnmächtig ist als der kleinste; da ist nicht ein Jota 
Unterschied ob Bayern oder Liechtenstein — das haben 
die Bewohner der größern Staaten selbst zum Oeftern 
beklagt. 
Lag' es in der Macht der Kleinen — gewiß Deutsch 
land wäre schon längst am Ziele seiner Wünsche. Die 
kleinen Staaten harren seit Jahrzehnten der nationalen 
Einheit mit Sehnsucht, denn sie hatten von der Zerfah 
renheit des „Reichs" am Meisten zu leiden: sie allein 
wurden hauptsächlich vom Fluche des Wiener Eongresses 
betroffen, der ihren schwachen Kräften die Lasten eines 
modernen Culturstaates aufbürdete. Sie haben sich je 
derzeit gern angeschlossen, wenn man ihnen nur gnädi 
gen Blickes die Hand reichte. Wo es. immerhin die 
geographische Lage ihrer Länder zuließ, haben sie sich 
schon längst in Dingen geeinigt, worüber die größeren 
in eitler Selbstherrlichkeit noch in Jahrzehnten nicht einig 
werden. Man erinnere sich z. B. nur an die Beziehun 
gen der thüringischen Kleinstaaten untereinander. 
Ganz anders in den Mittelstaaten. Sie haben in 
den 30er und 40er Jahren die heißblutigen Patrioten, 
die von einem großen und einigen Deutschland zu träu 
men wagten, zu Hochverräthern gestempelt und zu lebens 
länglicher Zuchthausstrafe verdammt: dort hat man sich 
in kindischem Eigendünkel das Prädikat einer „Nation " 
beigelegt. In jenen Staaten suchte man durch alle er 
denklichen Zwangsmittel das Fünkchen des nationalen 
Bewußtseins im Volke zu ersticken: durch Parforce-Cul- 
tur eines engbrüstigen Partikular-Patriotismus, durch
        

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