Reinertrag für den Weinbauer, und sei er noch so be- 
scheiden, sehr in Frage stellt, so ist sie doch sehr zu 
bedauern. Denn der besondere Ruf von Vaduz hängt 
doch recht eng mit seinem Weinbau zusammen, und 
der Weinbau ist es aber auch, der für viele Arbeiter 
und Arbeiterinnen eine beachtenswerte Verdienst- 
gelegenheit bietet. Wäre es da nicht am Platze, wenn 
die Weinbergbesitzer und die Arbeiter durch Zusam- 
mengehen auf einer vernünftigen Mittellinie alles 
aufbieten würden, den Weinbau nicht nur unge- 
schmälert zu erhalten, sondern auch zu bewirken, 
dass die ausgerissenen Reben wieder ersetzt würden? 
Auf einem einige Jahre einem anderen Zwecke gewid- 
meten Grundstücke dürfte der Wiederanbau von Re- 
ben vielleicht ganz lohnend sein, wenn der Boden 
ausgeruht hat, vorausgesetzt, dass auch die örtliche 
Lage im allgemeinen eine günstige ist. Ein Frucht- 
wechsel möchte ja schliesslich manchem alten Wein- 
berg ganz gut bekommen. Aber nach den Erfahrun- 
gen der letzten Jahrzehnte ist die Gefahr gross, dass 
die entfernten Reben nicht mehr ersetzt werden. 
In manchen Weinbaugebieten der Schweiz sind die 
Verhältnisse nicht günstiger als bei uns, und dennoch 
wird in der Herrschaft, im Unterrheintal, am Zürich- 
see und so weiter mit weit mehr Beharrlichkeit als bei 
uns der Weinbau erhalten. Ohne Übertreibung dür- 
fen wir aber sagen, dass der Vaduzer die Weine der ge- 
nannten Gegenden an Güte nicht nur erreicht, son- 
dern zum Teil übertrifft. Und während z. B. die 
Zürichsee-Weine einer längeren Lagerung bis zur 
Erlangung der vollen Gebrauchsreife bedürfen, kann 
der Vaduzer schon nach einigen Monaten als auf der 
Höhe stehend, genossen werden. Der Käufer des 
Vaduzers kann also sein angelegtes Kapital in kürze- 
ster Zeit wieder in Geld umsetzen. 
Zugegeben, dass heute recht gute ausländische 
Weine billiger zu haben sind, die Eigenart unseres 
Weines und seine besondere Güte erreichen sie in 
der Regel nicht. Ausländische Spezialsorten, die unse- 
rem Weine in ihrer Art ebenbürtig oder vielleicht 
auch überlegen sind, werden meistens nur als 
Flaschenweine verkauft und zu Preisen, die weit über 
dem Preis des Vaduzers stehen und die sich nur ge- 
wisse “Glückliche” leisten können. Warum lernen wir 
nicht hievon und versuchen wir nicht für Vaduzer 
Flaschenweine im Auslande Reklame zu machen? 
Man spricht ja jetzt überall so viel von Fortschritt! 
Selbstverständlich soll der inländische Bedarf zu 
decken versucht werden. Aber die Weiterexistenz des 
Weinbaues sollte durch diese Rücksicht nicht gefähr- 
det werden. Wir suchen ja auch das Vieh ins Ausland 
abzusetzen, ohne ängstlich zu fragen, ob die inländi- 
sche Fleisch-, Milch- und Butterversorgung gesichert 
ist. Der Ruf, dass man trachten muss, so viel als mög- 
lich Geld ins Land zu bringen, war noch nie so be- 
rechtigt, wie gegenwärtig. In verschiedenen Weinbau- 
gegenden wird dem Winzer aus öffentlichen Mitteln 
unter die Arme gegriffen. Bei uns ist leider gegenwär- 
tig hieran nicht zu denken, obwohl ja auch der Wein- 
bau beiträgt, unsere Volkswirtschaft wieder zu heben. 
Zur Förderung des Weinbaues sollten sich alle 
Winzer in Vaduz und den anderen noch mehr oder 
weniger Weinbau treibenden Gemeinden — an Güte 
und Vortrefflichkeit fehlt es dem Triesner, Guten- 
berger und Schaaner wahrlich auch nicht — zusam- 
menschliessen, um nach geeigneten Mitteln zu su- 
chen, den Weinbau einträglicher zu gestalten und 
seine Anbaufläche wenn möglich wieder zu vermeh- 
ren, wenigstens aber selbe ungeschmälert zu erhalten. 
Sonst werden wir die Zeit erleben, wo wir ähnlich 
einer nur wenige Stunden von Vaduz entfernten 
Stadt, deren Weinbau schneller zurückging, als es den 
Kennern des dortigen Tropfens lieb war, von auswärts 
eingeführte Weine unseren Gästen als Vaduzer vorset- 
zen werden. Nehmen wir uns aber lieber ein Beispiel 
an den Winzern am Zurichsee. — “Gott schiitze die 
Reben am sonnigen Rhein".!!5 
4. Juni 1991 
Vaduz 
Es zeigen sich in den Weinbergen schon Spuren des 
wahren Mehltaus (Oidium tuckeri), jenes Reben- 
schádlings, von dem wir im vorigen Sommer, nament- 
110 [ Volksblatt, 6. Oktober 1920, Nr. 80. 
!!! [ Volksblatt, 23. Oktober 1920, Nr. 82. 
112. GAV, Signatur Nr. 725. 
113 L Volksblatt, 9. Márz 1921, Nr. 19. 
 
        

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