In der Schweiz, wo damals 134.000 Deutsche lebten, waren die Ortsgrup- 
pen der auslanddeutschen NSDAP ebenso organisiert, wie oben für Liech- 
tenstein beschrieben, die Aktivitäten waren dieselben, nur auffälliger und 
politisch provozierender. 1935 zählte die AO der NSDAP in der Schweiz 
5.000 Mitglieder in 45 Ortsgruppen, zu denen auch die liechtensteinische 
Ortsgruppe mit ihren zwei Dutzend Mitgliedern zählte. Der Bundesrat 
erließ im Sommer 1933 ein Uniformen-, Abzeichen- und Flaggenverbot für 
politische Organisationen. So konnten sich die NSDAP und die „Fronten“ 
nicht mehr so leicht ins óffentliche Gesichtsfeld zwängen.” Liechtenstein 
beschloB 1934 ein analoges Verbot." 
Die deutsche NSDAP in Liechtenstein wie in der Schweiz mischte sich 
zwar kaum in die Innenpolitik des Gastlandes ein, doch wirkte sie ideolo- 
gisch und bildete eine , fünfte Kolonne*. Vor allem übte sie — in staats- 
rechtlich unzulássiger Weise, aber aus auBenpolitischen Gründen toleriert 
— eine politische Zwangskontrolle aller deutschen und ab 1938 auch der 
ôsterreichischen Staatsangehôrigen in der Schweiz und in Liechtenstein 
aus. Wenig ausgeprägt blieben interessanterweise die Querverbindungen 
zwischen der NSDAP und den ihr ideologisch nahestehenden einheimi- 
schen Gruppen, denen wir uns nun zuwenden. 
3. ,Frontenfrühling“ in der Schweiz 
Praktisch mit dem Beginn der Wirtschaftskrise in der Schweiz entstand 
hier ein StrauB von Erneuerungsbewegungen. Sie waren teils Absplitte- 
rungen von Altparteien — Jungfreisinnige, Jungkonservative, Jungbauern -, 
teils studentische und mittelständische Bünde. Gemeinsam war ihnen 
neben einem unduldsamen Radikalismus ein rückwärtsgewandter Zug, die 
Verachtung der parlamentarischen Demokratie und des Kompromisses, 
Antisemitismus, der Glaube an die autoritäre starke Hand, Verständnis bis 
Bewunderung für Faschismus und Nationalsozialismus. Nicht alle gingen 
gleich weit. Etliche Bewegungen bekannten sich insgeheim oder offen zum 
Nationalsozialismus. Nur die extremsten wünschten einen Anschluß der 
Schweiz an Hitlerdeutschland, wohl aber manche den Gleichschritt mit 
ihm. Die Bewegungen wurden bald „Fronten“ genannt, weil mehrere sich 
als „Front“ bezeichneten. Die Stoßrichtung wurde und wird „Frontismus“, 
„frontistisch“ genannt, die Jahre des AufsprieBens dieser Bewegungen ab 
1930 „Frontenfrühling“. Die Karikatur im mutigen Rorschacher Nebel- 
spalter vom Mai 1933 (Abbildung) weist auf die Vielfalt der „Fronten“ hin. 
Der „Frontenfrühling“ war durch laufende Zusammenschlüsse, Rivalitä- 
ten, Abspaltungen, Neubildungen sowie Umbenennungen gekennzeichnet. 
Im ganzen blieben die „Fronten“ politisch marginal, von den Sozialdemo- 
kraten wie den bürgerlichen Parteien bekämpft. Außer einigen kommuna- 
len und kantonalen Mandaten und einem einzigen eidgenössischen Parla- 
mentssitz Mitte der dreißiger Jahre blieben sie in Wahlen erfolglos. Ende 
" Bonjour, Neutralitàt III, S. 86 ff. 
? Verordnung vom 14. 9. 1934. Liechtensteinisches Landesgesetzblatt LGBI. 1934/9. 
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