Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/96/
Thomas O. Hüglin In dieser tiefen und durchaus gesamteuropäischen Krise von Autorität und Freiheit war ein grundsätzliches Umdenken des Wesens der Politik unumgänglich geworden. Zwei Vorschläge waren zunächst vorherr­ schend, und beide kamen aus Frankreich, wo die Religionskriege mit dem Massaker der Bartholomäusnacht von 1572 einen grausamen Höhe­ punkt erreicht hatten. Vier Jahre nach der Bartholomäusnacht veröffentlicht Jean Bodin seine Six Livres de la Republique. Sein Vorschlag ist es, die Krise moni­ stisch durch Ausschaltung aller autonomen Zwischengewalten zu been­ den. Mit seiner epochemachenden Formulierung des Souveränitätsprin­ zips als absolut und unteilbar entzieht er den partikularen Teilverbänden jede autonome Herrschaftsbefugnis. Die Stände der alten Ordnung wer­ den - ganz modern - als dezentralisierte Amtsträger in einen unitari­ schen Verwaltungsstaat eingebaut.2' Ebenso modern ist sein Vorschlag, Glaubensfragen politischer Regelung einfach zu entziehen, den Konflikt also durch tolerante Trennung von Politik und Religion zu entschärfen.22 Bodins Vorschlag ist kühn, kann aber weder die französischen Huge­ notten noch die partikularen Kräfte im Reich überzeugen. Seine politi­ sche Theorie eilt der Zeit weit voraus. Hugenotten und Calvinisten müs­ sen weiter ums Überleben kämpfen. Gleichwohl können sie das Erstar­ ken souveräner Zentralherrschaft nicht mehr leugnen. In den Wider- standslehren der sogenannten Monarchomachen verdichtet sich der Über­ lebenskampf daher theoretisch zu einem Vorschlag "dualistischer" Aus­ balancierung bestehender Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnisse. Ausgangspunkt ist die Idee eines religiösen Doppelbundes: ein "Gna- denbund" mit Gott, dem sich weder Volk noch Herrscher entziehen können einerseits, und ein Bund zwischen König und Volk zur Begrün­ dung rechtmässiger Herrschaft andererseits. Die Argumentation verläuft etwa folgendermassen:23 Beide, Volk und Herrscher, sind Gott direkt verantwortlich und rechenschaftspflichtig für die Einhaltung des ersten oder Gnadenbundes, welcher die in den beiden Tafeln des Dekalogs ent­ haltenen Gebote für ein frommes und gerechtes Leben umfasst. Ein sol­ ches Leben ist aber nur möglich, wenn beide, Volk und Herrscher, die Gebotsgrundsätze einhalten. Dies bedarf gegenseitiger Kontrolle. Der 21 Vergleiche vor allem Quaritsch, 268-69. 22 Siehe vor allem Bodins nachgelassenes Religionsgespräch "Colloquium Heptaplomeres". " Siehe klassisch Ostreich, 11-23. 104
        

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