Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/65/
Herfried Münkler ger, eben auf der Bürgertugend, der das Konzept der Zivilgesellschaft von dem der qua Markt integrierten bürgerlichen Gesellschaft wie dem des durch das Monopol bürokratischer Rationalität gekennzeichneten anstaltlichen Staates unterscheidet. II. Ideengeschichtlicher Rekurs 1. Piaton und Aristoteles Der Zusammenhang zwischen Verfassung und sozio-moralischer Kon­ stitution ist in den politischen Theorien Piatons und Aristoteles' erstmals systematisch untersucht und als wesentliches Element der Herstellung politischer Stabilität begriffen worden. Es ist der Wandel in den Tugen­ den der Elite, der von Piaton in der Politeia als Movens der Verfassungs­ wechsel begriffen wurde. Aristokratie und Oligarchie unterscheiden sich vom Idealstaat danach wesentlich nicht durch Veränderungen der Insti­ tutionen, sondern durch einen Wandel der sozio-moralischen Elitendis­ position: Wenn das Gleichgewicht zwischen musischer und gymnasti­ scher Erziehung sich zugunsten der letzteren verschiebt, gewinnt für Philosophen und Wächter der Krieg ein höheres Gewicht, als ihm zu­ kommen sollte, und der Prozess der Elitendegenerierung, wie Piaton den Verfassungswandel idealtypisch dechiffriert hat, nimmt seinen Anfang. Aber Piaton ist für unsere Frage nach der sozio-moralischen Fundierung demokratisch verfasster Gemeinwesen wenig ergiebig, denn wie er der Demokratie den Charakter einer Verfassung im strengen Sinn bestritten hat, als er sie als einen Krämerladen der Verfassungen bezeichnete, so hat er in ihr gerade keine sozio-moralische Fundierung, sondern nur noch Nutzenmaximierung am Werk gesehen. Demgemäss hätte er auch der Forderung nach Subsidiarität, wäre er mit ihr konfrontiert worden, eine klare Absage erteilt: Sein politisches Ideal läuft auf Spezialisierung und Professionalisierung hinaus, wenn diese auch nicht in bürokratischer Ra­ tionalität, sondern in Teilhabe an der Weisheit besteht. Demokratie ist bei Piaton mithin definiert durch den Wegfall politi­ scher Paideia, womit für den Durchbruch der Pleonexie, den Drang zu grenzenloser Anhäufung von Macht und Besitz, alle Schleusen geöffnet sind. Subsidiarität wäre nur eine weitere Drehung am Schleusentor. Pia­ ton hätte also die Frage, ob demokratisch verfasste Gemeinwesen einer sozio-moralischen Fundierung bedürfen, verneint: fast alle Verfassungen 70
        

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