Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/63/
Herfried Münkler die öffentliche Gewalt erzwungenem Verzicht, zu Verzicht auf die An­ eignung oder den Gebrauch von Gegenständen ebenso wie zur Unterlas­ sung von Handlungen, wobei dieser Verzicht keineswegs aus den unmit­ telbaren Interessen dessen, der verzichtet, resultiert. Zumindest kurzfri­ stig gesehen, ist Tugend ein Dispositiv, das dem ungehinderten Ausleben der Triebe, der Durchsetzung von Interessen und der Verwirklichung von Wünschen entgegengesetzt ist. Auf den Zusammenhang von Tugend und Politik bezogen heisst das, dass die politische Gemeinschaft in den die öffentliche Sphäre betreffenden Wünschen und Handlungen der Bür­ ger immer als eine in ihrem Eigenwert zu respektierende Grösse mitge­ dacht werden muss. Bürgertugend verweigert sich der Vorstellung, Ge­ sellschaft und Staat mitsamt ihren Institutionen seien wesentlich nichts anderes als blosse Ressourcen bei der Verfolgung der je eigenen Interes­ sen. Statt dessen attestiert Bürgertugend diesem Bereich einen eigenen Wert und ein eigenes Gewicht, das ihn instandsetzt, mit Gründen von den Einzelnen den Verzicht auf Güter und die Unterlassung von Hand­ lungen zu fordern. Tugendhaft nun ist, wer sich dazu ohne äusseren Zwang bereitfindet. Ohne äusseren Zwang - darin wird neben dem Einbezug gesellschaft­ licher Synthesis in die Intentionalität der Menschen als Bürger ein weite­ res Kennzeichen der Bürgertugend sichtbar, das verständlich machen kann, warum sie mit Zivilgesellschaft in engster Verbindung steht. Bür­ gertugend nämlich steht dafür, dass die Bürger von sich aus und ohne die Zwangsgewalt des Staates in ihren Handlungen die Bestandsvorausset­ zungen des Gemeinwesens, dem sie angehören, beachten und sichern. Sie erweisen sich damit, um es emphatisch zu formulieren, als Bürger im Ge­ gensatz zu Untertanen. Ohne solche Bürgertugend bleibt das Prinzip der Subsidiarität eine blosse Forderung, die an einzelne gestellt werden mag, die aber im politischen Bereich blass bleibt. Und umgekehrt ist es das Prinzip der Subsidiarität, welches die Bürgertugend fordert und stets aufs neue revitalisiert. Auf den ersten Blick hätte es durchaus nahegelegen, den englischen Begriff "civil society" mit dem im Deutschen verbreiteten Begriff "bür­ gerliche Gesellschaft" zu übersetzen, aber "bürgerliche Gesellschaft", wie es sich in Deutschland vor allem im Anschluss an Hegel durchge­ setzt hat, hebt ab auf eine entpolitisierte, wesentlich durch sozio-ökono- mische Bezüge definierte Sphäre, der dann der Staat als Monopolist des Politischen, zumeist reduziert auf legitimierten Gebrauch von Macht, 68
        

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