Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/54/
Rocco Buttiglione zu ersticken, um den Staat in den Stand des einzigen Subjektes der gesell­ schaftlichen Aktion zu erhöhen. Im totalitären Staat haben wir nur ato- misierte und isolierte Einzelne und den allmächtigen Staat. Je radikaler die Isolierung des Einzelnen, desto vollkommener der Totalitarismus, der fast keine Gewaltmittel anzuwenden braucht, weil schon der Ge­ danke, sich der herrschenden Macht zu widersetzen, an Wahnsinn grenzt. Nicht aus Zufall hat der erste Schritt des Widerstandes gegen den kommunistischen Totalitarismus darin bestanden, eine parallele Polis oder einen Samisdat zu errichten: einen freien Raum, wo Menschen sich als Menschen und nicht nur als Glieder des gesellschaftlichen Ganzen treffen konnten. Nur von diesem Ort des gewaltfreien Gesprächs her konnte die totalitäre Herrschaft kritisiert und entlarvt werden. Zwischen der ersten und der zweiten Perspektive des Subsidiaritäts- prinzips, die wir ganz kurz betrachtet haben, besteht ein wichtiger Zu­ sammenhang. Die erste Perspektive zeigt, wie das Subsidiaritätsprinzip die Gemeinde höherer Ordnung vor unberechtigten Ansprüchen der Gemeinden niedrigerer Ordnung oder der Einzelnen bewahrt; die zweite hingegen weist auf die Funktion desselben Prinzips hin, die Gemeinden niedrigerer Ordnung vor den Eingriffen jener höherer Ordnung zu schützen. Beide Momente ergänzen sich und sind wie die beiden Seiten einer Münze. Es scheint, dass sich der soziale Wohlfahrtsstaat in den Dienst der Einzelnen stellt und sie von der Last schwerer Verpflichtun­ gen befreit, um ihnen ein freieres und bequemeres Leben zu gestatten. Eine solche Behauptung wäre aber durchaus falsch. Die Persönlichkeit des Einzelnen wächst und bereichert sich in der Auseinandersetzung mit den auf ihn zukommenden Verpflichtungen und Aufgaben in dem Masse, in dem er eigene Verantwortung übernimmt. Wenn ihm diese Verpflichtungen weggenommen werden, wird die Persönlichkeit mit der Zeit in ihrer Handlungsfähigkeit wesentlich abgeschwächt. Zu einem ähnlichen Ergebnis führt die staatliche Übernahme der der Familie oder sonstigen Gemeinden zukommenden Pflichten. Eine Familie, die nicht mehr für die Alteren oder für die Kinder sorgen muss, scheint dem ehe­ lichen Paar mehr Spielraum zu geben, um das eigene Liebesverhältnis freier und phantasievoller zu gestalten. Tatsächlich ist eine solche Fami­ lie zerbrechlicher. Darunter leidet erst recht die Person, die sich nur in einem vom Eingriff der übergeordneten sozialen Instanzen geschützten Raum entwickeln kann. Steht die Person in einer unvermittelten Bezie­ hung zum gesellschaftlichen Ganzen, so wird sie in eine einseitige Ab­ 58
        

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