Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/51/
Interpretation des sozialethischen Prinzips der Subsidiarität Das Subsidiaritätsprinzip erlaubt uns, klarer zu bestimmen, welche Verpflichtungen jedem gesellschaftlichen Kreis aus der Anerkennung eines Rechtes auf Arbeit erwachsen. Der Begriff "Subsidiarität" erlaubt uns, von "sozialer Gerechtigkeit" zu reden, ohne dass der Begriff so un­ klar definiert ist, dass er direkt in einen Gegensatz zu den Grundsätzen einer gerechten und funktionierenden wirtschaftlichen Ordnung tritt. Die allgemeinen Rechte mit einem positiven Inhalt können nur durch die Zusammenarbeit vieler gesellschaftlicher Instanzen verwirklicht werden, die durch eine Politik gelenkt werden, die sich bemüht, die Solidarität in der Gesellschaft zu organisieren, statt sie durch die Aktion des Staates zu ersetzen.1 3. Ich hoffe, dass die vorausgehenden Erörterungen die praktische Be­ deutung des Subsidiaritätsprinzips als Ordnungsprinzip für die unerläss- liche Reform des sozialen Staates bewiesen haben. Der soziale Staat ist für unsere Gesellschaften ein grosser Fortschritt gewesen und hat breiten gesellschaftlichen Schichten die Möglichkeit eröffnet, sich von Elend und Furcht zu befreien und ein menschlicheres Leben zu führen. Ande­ rerseits ereignet sich in den letzten Jahren ein fragwürdiges Phänomen: Die sozialen Ausgaben wachsen, aber die Zufriedenheit der durch diese Ausgaben bevorzugten Menschen wächst nicht oder nimmt sogar ab. Warum? Zwei Hauptursachen sind zu erwähnen. Einige soziale Schich­ ten haben sich daran gewöhnt, von Sozialhilfe zu leben. Statt eine Hilfe zu sein, die die Menschen wieder dazu befähigt, autonom auf dem Markt zu wirken, wird die Sozialhilfe ein Mittel, ausserhalb des Marktes das eigene Leben zu bestreiten. Dem Menschen wird dadurch die Anstren­ gung erspart, sich mit der Wirklichkeit zu messen. Dadurch wird aber seine freie und autonome Entwicklung gelähmt. Die zweite Ursache des oben signalisierten Phänomens ist, dass viele Netze sozialer gegenseitiger Versicherungen, die früher bestanden haben, durch die Intervention des Staates ausser Kraft gesetzt werden. Bis vor wenigen Jahren war die Fa­ milie, und nicht nur die Kernfamilie, sondern auch die erweiterte Fami­ lie, die Hauptträgerin der Verpflichtung, für die jungen wie für die alten und sonstigen in Not geratenen Familienmitglieder zu sorgen. Jetzt ist dies nicht mehr der Fall. Die Netze der gesellschaftlichen Solidarität ha­ ben sich aufgelöst, und nur der Staat ist geblieben, um allen gerechten 1 Spieker 1986b. 55
        

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