Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/48/
Rocco Buttiglione Damit wird aber kaum erklärt, wer die entsprechende Gegenleistung er­ bringen sollte, wer dafür zu bezahlen habe. Es ist leicht, im Namen der sozialen Gerechtigkeit zu sagen, dass alle Menschen das Recht auf dies und jenes haben, solche Sätze können aber nicht zu Leitlinien kohären­ ter Politiken werden und geben nur zu Hoffnungen Anlass, die nie er­ füllt werden können und am Ende nur Desillusionen den Weg bereiten. So weit die Gegner der "sozialen Gerechtigkeit". Der Begriff "soziale Gerechtigkeit", wie er in diesem Zusammenhang verwendet wurde, überdeckt sich mit jenem der Solidarität und ist ein Versuch der Solidarität, sich einen Geltungsbereich in der Politik und im Recht zu schaffen. Wenn aber die Kritik der sozialen Gerechtigkeit recht hat, ist die Solidarität kein politischer Begriff und muss ausschliesslich im privaten Bereich gelten. Was die Rechtssphäre betrifft, ist der Einzelne ausschiesslich auf sich selbst verwiesen und hat keinen berechtigten An­ spruch auf die Hilfe anderer. Diese können natürlich helfen; aber nur auf der Basis einer privaten Entscheidung. Wenn wir das nicht akzeptieren wollen und auf der Behauptung beharren, dass es eine soziale Gerechtig­ keit gibt, dann fehlt uns jeder Massstab, um die Solidaritätspflicht zu be­ grenzen, wir machen jeden Menschen für den Wohlstand der ganzen Menschheit verantwortlich, und unsere Ansprüche auf seinen tätigen Einsatz reichen bis zur vollen Enteignung. Diese Argumentation ist nicht nur von theoretischem Belang. Sie ist zugleich eine Reaktion einerseits auf eine gewisse Dritte-Welt-Ideologie und andererseits auf die Ausbreitung des sozialen Staates. Der Dritte- Welt-Ideologie ist es gelungen, in vielen Bereichen die Menschen der ent­ wickelten Länder in Verlegenheit zu bringen und ihrer Lebensform die Legitimationsbasis zu entziehen, indem jeder einzelne Mensch der rei­ chen Länder direkt und unmittelbar für die Rettung der Armen der Welt verantwortlich gemacht wurde. Der soziale Staat ist in gewisser Hinsicht der Staat der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit gewesen. Er hat das grosse Prinzip anerkannt, dass dem Notleidenden ein Recht auf Hilfe zukommt, auch im Falle, dass er nicht dazu imstande ist, eine Gegenlei­ stung zu erbringen. Dem sozialen Staat ist es aber nicht gelungen, die Grenzen dieses Prinzips eindeutig und klar zu ziehen. Es schien, dass je­ der von einer starken und einsatzbereiten gesellschaftlichen Gruppe ver­ tretene Anspruch an sich gerechtfertigt sei. Das Endergebnis war, dass einige Gruppen gefordert haben, nicht dabei unterstützt zu werden, eine Arbeit zu finden und befähigt zu werden, durch die eigene Leistung das 52
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.