Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/46/
Rocco Buttiglione Gleichgültigkeit betrachten können. Eine empiristische Philosophie wird uns hier von einem Empathie- oder Sympathiegefühl reden. Eine meta­ physische und phänomenologische Philosophie wird uns sagen, dass der Mensch in seinem Wesen selbst zugleich Person und Gemeinschaft ist. Wir können die Frage dahingestellt lassen, welche Interpretation mehr den Tatsachen und der allgemeinen Erfahrung entspricht. Auf alle Fälle ist uns die Solidarität als Sachverhalt in unserer Erfahrung unmittelbar gegeben. Das Mitleid enthält eine Forderung. Wir sind uns dessen be- wusst, dass dem Menschen etwas zukommt, dass ihm in seinem Not­ stand geholfen werden soll, auch im Falle, dass er nicht dazu imstande ist, eine gleichwertige Gegenleistung zu erbringen. Der Grund ist die menschliche Würde, und auf ihr beruht die Gratuität. Der Markt und das Austauschprinzip werden in einer gesunden Gesellschaft durch eine Sphäre der Gratuität abgegrenzt und ausgeglichen. Die Familie ist die gesellschaftliche Institution, die am meisten von der Gratuität durch­ drungen ist. In der Familie wird der Austausch unter den Familienmit­ gliedern nicht durch das Gleichgewichtsprinzip geregelt, sondern durch die Gratuität und die Liebe. Der Unterschied und zugleich der Zusammenhang von Leistungs­ prinzip und Gratuität kann durch eine Auslegung des sprachlichen Aus­ drucks "dies ist mein Land" besser zur Evidenz gebracht werden. "Dies ist mein Land" kann bedeuten, dass ich dieses Stück Land durch meine Arbeit oder von meinen Eltern erworben habe. In diesem Fall bezeichnet der Ausdruck ein Verhältnis des privaten Besitzes, des Sondereigentums. Ich kann aber "dies ist mein Land" jedesmal sagen, wenn ich vom Aus­ land in meine Heimat zurückkomme. Wenn ich den Boden von Fiumi- cino, dem Flughafen Roms, betrete oder von einem Hügel auf die Land­ schaft Gallipolis, der Stadt, in der ich geboren wurde, herabschaue, darf ich wohl sagen "dies ist mein Land", wenn ich auch keinen Besitz dort habe. Als Bürger habe ich Rechte, die sich von denen bezüglich meines privaten Eigentums unterscheiden. Diese Rechte gehören mir nicht we­ gen einer Leistung, einer persönlichen oder der eines meiner Vorfahren, sondern nur, weil ich geboren wurde. Sie sind, im streng etymologischen Sinne des Wortes, Naturrechte. Naturrechte heissen Rechte, die mir von Natur aus zufliessen, die ich habe, weil ich geboren wurde. Natur kommt aus dem lateinischen Wort "nasci", das heisst "geboren werden". Von Natur aus habe ich ein Recht auf das Land, in dem ich geboren wurde oder in dem meine Familie sesshaft ist. Das Naturrecht wird hier 50
        

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