Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/33/
Otfried Höffe Ab wann genau die Hilfe einer höheren Einheit gefragt ist, worin die Hilfe besteht, ab wann eine Kompetenzanmassung vorliegt - auf all diese Fragen gibt das Prinzip allein keine Antwort. Wie schon gesagt, sind nämlich Überlegungen zum jeweiligen Sachbereich und zu den konkre­ ten Randbedingungen zusätzlich gefragt; und selbst die Verbindung die­ ser drei Arten von Überlegung lässt noch genug Raum für kontroverse Auslegungen, hinter denen sich eine Kollision von Interessen verbirgt. Der Aufgabe, Europa zu bauen, gibt das Subsidiaritätsprinzip eine Richtung vor, aber keinen gemeinsamen Weg. Für sich genommen sagt das Prinzip nur, aber auch immerhin, folgendes: Wenn eine höhere So­ zialeinheit tätig werden will, so muss sie subsidiär wirken-, und: Wenn eine höhere Einheit das Überleben oder das Gutleben der niedrigeren Einheit gefährdet, so muss sie ihre Tätigkeit einschränken - es sei denn, und hier tritt unsere Metaregel auf den Plan, damit werde einer noch niedrigeren Einheit gedient, insbesondere der entscheidenden Referenz, dem homo singularis. Wir wissen, dass sich aus vielerlei Gründen die Diener gern zum Herrn aufspielen. Im Gesellschaftlichen ist es sogar fast unvermeidlich. Denn in der Regel büsst, wer nicht nur gelegentlich, sondern systema­ tisch Hilfe annimmt, an Eigenfähigkeit und Eigenkompetenz ein; ausser­ dem pflegen Sozialeinheiten eine Eigendynamik zu entwickeln und dabei eine Ausweitung der Kompetenzen vorzunehmen. Derartigen Tenden­ zen tritt das Subsidiaritätsprinzip mit der Aufforderung entgegen, zu­ nächst einmal für den Vorgang sensibel zu werden und sodann Gegen­ kräfte zu mobilisieren; die schleichende Entmachtung der intermediären Sphäre oder gar der Individuen ist illegitim. Expansionstendenzen gehen freilich auch von den Individuen und von der intermediären Sphäre aus. Dort stellt man beispielsweise an die Fa­ milie und den Staat immer höhere Ansprüche, und hier versucht man, die Kompetenz einer bestehenden Zentralinstanz auszuhöhlen. In beiden Fällen könnte sich die Kritik an der Expansion auf das Subsidiaritäts­ prinzip berufen, allerdings wieder ohne dass das Prinzip eine klare Ent­ scheidung treffen könnte. 36
        

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