Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/32/
Subsidiarität als staatsphilosophisches Prinzip? des Hauses und der Sippe, sind biologische Gegebenheiten: die Sexuali­ tät, die Hilfsbedürftigkeit der Kinder und - bewusst neutraler als bei Aristoteles formuliert - eine unterschiedliche Begabung für die Arbeits­ welt. Für die Entstehung der Polis wiederum ist eine normative Perspek­ tive mitverantwortlich, die nicht anders als die biologischen Faktoren den subjektiven Meinungen und Interessen enthoben ist; der Mensch hat ein artspezifisches Interesse an mehr als dem blossen Leben, er hat ein natürliches Interesse am gelungenen Leben, am Glück (eudaimonia). Hinzukommen dürfte bei Althusius ein weiterer Faktor, der der mensch­ lichen Entscheidung so gut wie entzogen ist: Im Zuge der abendländi­ schen Sozialgeschichte finden Ausdifferenzierungen statt, die zu einem immer reicheren Sozialgefüge führen. Nun das Problem: Solange sich diese Entwicklungen hinter dem Rücken des Menschen abspielen, bleibt das Subsidiaritätsprinzip, weil deskriptiver Natur, arbeitslos; für das, was ohnehin geschieht, kommt je­ des Sollen zu spät. Gefragt ist das Prinzip nur dort, wo sich ein Spiel­ raum der Entscheidung auftut. Bei Aristoteles, bei Althusius und in Qttadragesimo anno gewinnt man den Eindruck, das Subsidiaritätsprin­ zip sei etwas, das man schlicht anwendet. Der Gedanke einer blossen Anwendung unterschätzt aber den Spielraum der Gestaltung und die Aufgabe, den Spielraum kreativ auszufüllen. Wer glaubt, das Subsidiari­ tätsprinzip könne den Spielraum so weit einengen, dass sich ohne Zu­ satzüberlegungen eine eindeutige Entscheidung ergibt, wird mit gutem Grund enttäuscht. Vorliegt ein Prinzip, und dieses gibt nur eine Grund­ richtung in Form einer Beweislastregel an. Der Subsidiaritätsgedanke, ein sozialethisches Moment, kann durch­ aus kriterienfähig sein, aber nicht für sich allein. Von bloss ethischen Überlegungen fürchtet man zu Recht ein abstraktes, der Erfahrung ent­ hobenes Moralisieren. Hier deutet sich nun an, warum es nicht der Fall sein muss. Wie jedes ethische Prinzip, so ist auch das Subsidiaritätsprin­ zip erst in Verbindung mit anderen Gesichtspunkten entscheidungsfähig: des jeweiligen Sachbereichs einerseits und einer Beurteilung der konkre­ ten Situation andererseits. Die Logik des Subsidiaritätsprinzips heisst also, etwas schematisiert: Sozialethik plus Sacherfordernisse plus Situa- tionsüberlegung.18 18 Vgl. Höffe 1981, Kap. 1. 35
        

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