Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/31/
Otfried Höffe Mit Hilfe der aristotelischen Argumentation lässt sich nun die Legiti­ mationsfrage beantworten, die der positive Subsidiaritätsbegriff aufwirft, die Frage, warum die höheren Instanzen überhaupt zu helfen verpflich­ tet sind. Die Antwort lautet in etwa so: Es gibt nicht zuerst Gemein­ schaften, von denen man später Hilfe verlangt, etwa unter Berufung auf die Solidarität, das heisst auf ein entweder normativ vages oder aber nicht mehr rechtsmoralisches, sondern tugendmoralisches Prinzip. Vielmehr bilden sich überhaupt Gemeinschaften, weil das Individuum mangels Autarkie sein Leben nicht allein "organisieren" kann. Weil es, wie schon Piaton im Staat mit unüberbietbarer Prägnanz sagt, sich selbst nicht ge­ nug ist, sondern vieler Helfer bedarf.17 Und die Gemeinschaften bilden sich sinnvollerweise dort, wo das Individuum allein nicht weiterkommt, entweder gar nicht oder aber viel schlechter. Ebenso bilden sich dort grössere und umfassendere Gemeinschaften, wo die bislang exi­ stierenden Gemeinschaftsformen an eine Grenze ihrer Leistungskraft stossen. Wegen der von Aristoteles benannten Ausdifferenzierung der Lebens­ perspektive, wegen der Möglichkeit, das zen zum eu zen zu steigern, kompliziert sich allerdings die Antwort. Einmal mehr gibt es einen Kon­ flikt zwischen verschiedenen Sozialstufen, den das Subsidiaritätsprinzip nicht so ohne weiteres schlichten kann: Muss die Bildung eines Staatsver­ bandes, insofern es ihn fürs blosse Leben nicht braucht, als illegitim gel­ ten, zumal die ansonsten höchste Sozialeinheit, die Sippe, dabei unver­ meidlich geschwächt wird? Oder, ist es dem Menschen nicht erlaubt, um einer gesteigerten Lebensperspektive wegen, die entsprechende Schwä­ chung, vielleicht sogar Auflösung vorzunehmen? 4. Quis iudicabit? An diese Frage, aber auch erst an sie, schliesst sich jene Frage an, die den politischen Diskurs der Moderne durchzieht: Quis iudicabit? Wer - wir ergänzen: oder was - entscheidet? Nach der aristotelischen Argumenta­ tion hängt ein Grossteil der Entscheidungen von Faktoren ab, die, dem Menschen entzogen, gewissermassen hinter seinem Rücken wirksam sind. Verantwortlich für die Bildung der beiden ersten Sozialeinheiten, 17 Piaton, Staat II, 368 b 4, vgl. IX, 578 d 12. 34
        

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