Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/25/
Otfried Höffe Einheit. Diese Anwendungsbedingung kann man nun empirisch lesen und sagen, von Subsidiarität könne nur dort die Rede sein, wo es eine derartige Hierarchie gibt. Diese Lesart ist ohne Zweifel richtig. Da aber die Erosion intermediärer Gesellschaftsformen beklagt wird, lese ich die Anwendungsbedingung zusätzlich in einem normativen Sinn. Da­ nach darf das Individuum nicht einer einzigen, dann tendenziell über­ mächtigen Sozialeinheit ausgesetzt werden, vielmehr soll es auch inter­ mediäre Sozialeinheiten geben. (Und ergänzen könnte man: Je grösser die betreffende Gesellschaft ist, desto mehr intermediäre Sozialeinhei­ ten dürften sinnvoll sein. Daneben bedarf es freilich - das versteht sich aber fast von selbst - einer funktionalen Gliederung.) Hier liegt viel­ leicht sogar der erste und elementarste Gehalt des Subsidiaritätsprin- zips, dass es sagt: zwischen dem Individuum und der höchsten Instanz sollen intermediäre Gesellschaftsformen zwischengeschaltet werden. 5. Das letzte Moment bestimmt die Verbindlichkeitsart und ist wieder zweistufig. Jeder Verstoss gegen das Subsidiaritätsprinzip gilt als Un­ gerechtigkeit, darüber hinaus als gravierender Schaden, mithin nicht bloss als moralische, sondern auch als sozialpragmatische bzw. utilita­ ristische (zweckrationale) Verfehlung, nämlich als eine kollektive Selbstschädigung. Erneut zeigt das Subsidiaritätsprinzip, dass es einem naiven Moralisieren entgeht. Nicht nur bedarf es, wie gesagt, der Er­ gänzung durch Sacherfordernisse und Situationsüberlegungen. Es stützt sich auch, sofern es die genuine, kategorische Moral in Anspruch nimmt, auf deren elementare und zugleich strengste Form. Statt sich auf die spezifisch christliche Moral zu berufen, auf jene hochgenann­ te Moral der Nächstenliebe, die wir in säkularisierter Form als Brüder­ lichkeit bzw. Solidarität kennen, argumentiert die Enzyklika mit einer kulturübergreifenden und zugleich bescheideneren Moral, mit der Mo­ ral dessen, was die Menschen einander schulden, mit der Rechtsmoral oder Gerechtigkeit und verzichtet auf eine sog. Tugendmoral, auf die Moral des verdienstlichen Mehrs.13 Die Sprache ist deutlich genug; wer gegen das Subsidiaritätsprinzip Verstösse, mache sich einer "eripere", eines Diebstahls schuldig, einer Anmassung von Kompetenz. Schliess­ lich beruft sich das Subsidiaritätsprinzip nicht nur auf die kategorische Moral in ihrer Erkenntnisstufe, der Gerechtigkeit, sondern auch auf u Zum Begriff von Rechismoral und Gerechtigkeit vgl. Hoffe 1987, bes. Kap. 2-3, und Höffe 1990, bes. Kapitel 1 und 3. 28
        

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