Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/226/
Günther Lottes Die unterschiedlichen europäischen Staatsbildungsprozesse, für die im Falle Westeuropas die entscheidenden Weichenstellungen in der Frühen Neuzeit erfolgten, bekommen auf diese Weise eine ungeahnte Aktualität, sind indes für unsere Auseinandersetzung mit der Subsidiaritätsproble- matik nicht nur von historischem, sondern auch von heuristischem Wert. Dabei erweist es sich für unsere Fragestellung als besonders hilfreich, dass sich das Interesse der historischen Staatsbildungsforschung in jün­ gerer Zeit - vielleicht schon unter dem Eindruck des europäischen Eini­ gungsprozesses - von den Vorgängen der inneren Staatsbildung, sei es in verwaltungs- oder in verfassungsgeschichtlicher Hinsicht, verstärkt auf die Prozesse der äusseren Staatsbildung verlagert hat. Nach der Entwick­ lung des zentralstaatlichen Herrschaftsapparates bzw. der des Verhältnis­ ses zwischen dem Monarchen und der Landesvertretung ist die Frage nach den Wegen der Gesamtstaatsbildung der in der Regel aus mehr oder weniger eigenständigen Teilstaaten zusammengesetzten europäischen Grossstaaten in den Blick gerückt.4 Dieser Perspektivenwechsel hat namentlich bei der Interpretation der Formation der westeuropäischen Nationalstaaten neue Akzente gesetzt.5 Insbesondere erschien die Souveränitätsproblematik in einem neuen Licht: nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt der Durchsetzung eines legitimen Gewaltmonopols gegenüber traditionellen Machtbesitzern oder gegenüber sich aus der Staatsgesellschaft ausgliedernden religiösen Gruppen, auch nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der Machtvertei­ lung zwischen dem Monarchen und einer Vertretung des Landes bzw. der politischen Nation, sondern unter dem räumlich-gesellschaftlichen der Konstitution eines Gesamtstaatsgebiets und eines Gesamtstaatsvolks aus Teilstaaten mit Teilstaatsgesellschaften, die über mehr oder weniger stark ausgeprägte Eigenidentitäten verfügten und diese mehr oder weni­ ger stark verteidigten. Im Zentrum dieser Prozesse stand zwar der Ab­ bau konkurrierender Souveränitätsansprüche. Wir dürfen daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, dass die Verfassungsverhältnisse der frühmo­ dernen Gesamtstaaten im Zeichen einer permanenten Souveränitätskrise standen. Uber lange Zeiträume hinweg konnten die verschiedenen Parti­ kularsouveränitäten nebeneinander existieren, sei es, dass es keinen An- * Vgl. z.B. Clark 1990; ausserdem Koenigsberger. 5 Vgl. hierzu die kenntnisreiche Einleitung in die englische Diskussion von Asch in dem von ihm herausgegebenen Sammelband. Zum aktuellen politischen Bezug u.a. Clark 1992. 246
        

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