Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/205/
Volker Press dass Kaiser und Reich keine Ansprüche gegen die Eidgenossenschaft mehr zu erheben trachteten und auch die Eidgenossen keine Teilhabe am Reich wünschten - Vorgänge, die diese Entscheidungen noch einmal in Frage stellten, blieben Episoden. Etwas anders war die Situation der Niederlande; ihre Kernprovinzen hatten im Spätmittelalter ein hohes wirtschaftliches und kulturelles Niveau erreicht - seit dem 14. Jahrhundert waren sie in den Sog der bur­ gundischen Herrschaftsbindung geraten. Die Katastrophe des Burgun­ derreiches nach dem Tode Karls des Kühnen hatte 1477 das gemeinsame Handeln der Provinzen in den "Generalstaaten" ("Generalstände") her­ vorgerufen, die fortan eine wichtige Klammer der niederländischen Ein­ heit bildeten. Festzuhalten ist, dass hier, wie bei den Eidgenossen, ein ge­ meinsames Forum entstanden war, das sich kaum in die sich ausformen­ den Reichsinstitutionen einbinden liess. Durch die Ehe der burgundi­ schen Erbtochter Maria mit dem Habsburger Maximilian gerieten die Niederlande jedoch in den Sog der habsburgischen Herrschaftsbildung. Kaiser Karl V. machte sie zu seinen eigentlichen Erblanden und rückte sie damit noch einmal dicht an den Reichsverband heran; andererseits be­ dachte er sie im burgundischen Vertrag von 1548 mit grossen Rechten und geringen Pflichten gegenüber diesem. Dann hat der Übergang der Reichskrone an die deutschen bzw. österreichischen Habsburger und je­ ner der Niederlande an Karls V. Sohn Philipp die lange angelegte Distanz zum Reichsverband noch einmal vertieft. Dies galt vor allem für die nördlichen Provinzen, die bei ihrem Aufstand gegen die spanische Herr­ schaft im und am Reich keinen Rückhalt finden konnten, während in Zeiten der Schwäche Spaniens die südlichen Provinzen wieder ihre, frei­ lich schwache, Reichszugehörigkeit unterstrichen. Gewisse Parallelen gab es - wenigstens ansatzweise - in Lothringen. In allen Fällen war es die Abwehr des Verdichtungsprozesses im Reich, der das Subsidiaritäts- prinzip sprengte und zur Selbständigkeit führte - das Reich vermochte Teile der Peripherie nicht mehr zu integrieren und deren Mitsprache am Reich zu sichern und seine Ansprüche durchzusetzen. Der Verdichtungsprozess im Reich hatte also zum Verlust von Aus- senpositionen geführt - er brachte aber auch, vor allem im Gewände der Verrechtlichung, eine zunehmende Vereinheitlichung des Reiches. Ne­ ben ganz unterschiedlichen Graden der territorialen Entwicklung ist vor allem auf eine unterschiedliche Anbindung an Kaiser und Reich hinzu­ weisen. Moraw hat das spätmittelalterliche Reich nach unterschiedlichen 224
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.