Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/196/
I. Das Subsidiaritätsprinzip ist ein theoretisches Konstrukt der Theologen, Philosophen und Politologen. Zur Rolle der Historiker gehört es tradi­ tionell, solche Konstrukte zu relativieren. Sie tun dies durch Konfronta­ tion mit den Fakten und geben vor, festzustellen, wie es tatsächlich ge­ wesen sei, um mit Leopold von Ranke zu sprechen. Aber dies verhüllt auch oft genug nur, dass sie ebenso der Suggestion der Gegenwart erlie­ gen und deren Vorstellungen in die Vergangenheit projizieren. Die For­ schung zur neueren'Geschichte hat dies - vor allem in Deutschland - lange genug getan, indem sie in Staatwerdung, Bürokratisierung, Zentra­ lisierung, Verwaltungsstaat, Nationalstaat, Machtstaat die massgeblichen Kräfte der Geschichte sah. Ging die Geschichte diesen Weg nicht, so sprachen die Historiker gern von einer Fehlentwicklung. Dieses Schick­ sal ist nicht einmal dem ehrwürdigen Heiligen Römischen Reich erspart geblieben - es wurde im Bismarckreich vornehmlich als Hindernis für eine kleindeutsche Entwicklung gesehen. Mehr noch: lange genug haben die Historiker eine weitere Fiktion ge­ fordert - gern zeichnete die ältere deutsche Geschichtsschreibung das Gemälde einer ausgebildeten mittelalterlichen Monarchie, die weit ins heutige Frankreich und Italien ausgriff, daran scheiterte und schliesslich dem "Partikularismus" das Feld überliess. Geschichte des Reiches war somit, überspitzt formuliert, im Gegensatz zu Westeuropa die Ge­ schichte eines permanenten Niedergangs seit den Tagen der Staufer, bei dem das Haus Habsburg eine eher negative Rolle spielte, bis der preussi- sche, der wirkliche "Heilsweg" beschritten wurde. Diese Sicht ist gewiss früh relativiert worden - aber gerade im Zeichen einer wiedergewonne­ nen deutschen nationalen Einheit erliegt auch heute noch mancher Hi­ storiker der borussischen Suggestion. Für das deutsche Mittelalter ist jedoch das Herrschaftsdefizit des Kö­ nigtums heute sehr deutlich geworden - es entsprach auch weit starker 215
        

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