Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/158/
Hans Geser Der immense funktionale Vorzug zentralistischer Steuerung besteht also darin, dass sie durchaus auch zur (intentionalen und geordneten) Er­ zeugung und Aufrechterhaltung dezentralisierter Strukturen verwendet werden kann, während das Umgekehrte in keiner Weise gilt. Es gibt keine ebenso zuverlässigen Wege, wie ein dezentralisiertes Sy­ stem sich selber zentralisieren könnte, weil es mangels eines autoritativen Entscheidungszentrums unausweichlich ist, derartige Bestrebungen der Ungewissheit wechselseitiger Konsensbildungs- und Verhandlungspro­ zessen, der Integrationswirkung charismatischer Führer oder gar den Endergebnissen kriegerischer Auseinandersetzungen zu überlassen. In sozialethischer Perspektive liesse sich deshalb - im diametralen Wi­ derspruch zu allen antibürokratischen Ideologien und Bewegungen der letzten Jahrzehnte - die Fundamentalthese vertreten, dass unter allen Umständen auf die Erzeugung (bzw. Aufrechterhaltung) sozialer Orga­ nisationen hingewirkt werden müsse, die mit der Fähigkeit zur Generie­ rung und Durchsetzung zentralistischer Entscheidungen ausgestattet seien, weil derartige Ordnungen insgesamt mehr strukturelle Auswahl­ optionen - inkl. alle Optionen der Dezentralisierung - eröffnen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Dezentralisierungen auf reversi­ ble, jederzeit revidierbare Weise erfolgen, was voraussetzt, dass das Sy­ stemzentrum innerhalb dieses Prozesses nicht nur erhalten bleibt, son­ dern - paradoxerweise - eine gesicherte Suprematie beibehält oder im Vergleich zu vorher sogar an Stärke gewinnt. 2) Aus einer Fülle von Illustrationsbeispielen kann man lernen, dass ge­ rade sehr konsolidierte, mit grosser Machtfülle ausgestattete Zentralge­ walten am besten in der Lage sind, weitreichende Kompetenzen an nied­ rige Subeinheicen zu delegieren, weil sie nicht befürchten müssen, die ent­ glittene Macht nicht mehr zurückholen zu können und dadurch das Ge­ samtsystem seiner Auflösung entgegenzuführen. Strategien umfassender Dezentralisierung können von sich sicher fühlenden Zentren geradezu mit dem Zweck veranstaltet werden, ihre Machtfülle zu demonstrieren: d.h. vorzuführen, dass die Autonomie der Subeinheit nur dank hoheitlicher Entscheidung existiert und ihr - z.B. im Falle eines Missbrauchs - jeder­ zeit wieder entzogen werden könnte. "Es ist ein typisches Verhalten, wenn Philipp der Gute von Burgund die Freiheit der holländischen Städte zu unterdrücken strebt, dabei aber viele einzelne Korporationen mit sehr umfassenden Privilegien ausstattet. 172
        

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