Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/145/
So viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich und "kleinen" Gruppen nach dem Motto "so viel Staat wie nötig, so we­ nig Staat wie möglich". Es scheint also die berühmte Maxime des Soziologen Goldschmidt zu gelten, dass die Probleme und nicht die sozialen Institutionen, die Hand­ lungsstrategien usw., die diese Probleme zu lösen versuchen, konstant bleiben.67 Unsere Materialien zeigen, dass alle vier angesprochenen Ge­ sellschaften mit schwerwiegenden Fragen der Bewahrung lokaler Auto­ nomien konfrontiert waren bzw. sind. Jede dieser Gesellschaften hat allerdings eigene, zwar vergleichbare, jedoch nicht identische Lösungs­ muster entworfen. Ich bin mir bewusst, dass meine Argumentation zwei Gefahren in sich birgt: Einerseits beschwört sie die alte, irreführende Dichotomie zwi­ schen "Zivilisation" und "Wildnis" herauf, andererseits evoziert sie die Irrwege des radikalen Relativismus. Deshalb möchte ich hier nochmals auf die nicht ganz abwegige Annahme der funktionalen Äquivalenz von solchen Lösungsmustern einschliesslich der okzidentalen hinweisen. Darüber hinaus zeigen unsere ethnographischen Daten, dass die Be­ ziehungen zwischen "einkapselnden" Gross- und "eingekapselten" Kleingruppen niemals reibungslos oder selbstverständlich sind. Es beste­ hen stets erhebliche Konfliktpotentiale, die sowohl von den Interessen­ divergenzen zwischen den Kollektiven aber auch von den individuellen sozialen Disparitäten zwischen den Akteuren, wie das Beispiel Indien zweifelsohne verdeutlicht, verursacht werden. Die Konflikte müssen allerdings nicht unbedingt in Form offener Konfrontation zwischen den Parteien ausbrechen, sondern werden oft mit Hilfe reger Mediatisie- rungsaktivitäten aufgefangen. In einem solchen Kontext entstehen somit Vermittlerrollen, die mit formellen bzw. informellen Verhandlungsaufga­ ben beauftragt sind. Die gewaltsame Explosion eines Konfliktes, wie das Beispiel Marokkos zeigt, ist meistens Bestandteil eines "sozialen Dra­ mas", so dass Phänomene des Protestes und der Rebellion sozusagen als vorprogrammierte und einkalkulierte Strategien rituell verankert sind. Es klingt bisher alles banal und bekannt; es ist aber dabei wichtig hin­ zuzufügen, dass die Vermittler, also die "curaca", die "digaloos", die ma­ rokkanischen Sultane und die mediterranen Patrone ihre Verhandlungen ausschliesslich im Rahmen personalisierter Beziehungsnetze abwickeln, 67 Goldschmidt, 31. 157
        

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