Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/144/
Christian Giordano ler, jedoch kulturell legitimer Weise das Prinzip "so viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich" zu verwirklichen versuchen. Man hat von legalistischer Seite argumentiert, dass Kiientelen und ldienteläres Handeln sogar die Existenz staatlicher Strukturen gefährden. Aus ethnologischer Sicht kann diese Annahme nicht bestätigt werden. In den Augen der Mitglieder südeuropäischer Mittelmeergesellschaften sol­ len die "einkapselnden" Staatsinstitutionen nicht ganz gelähmt oder aus­ geschaltet werden: Der Staat, wie meine eigenen Untersuchungen in Sizi­ lien und die Beobachtungen von Herzfeld in Kreta zeigen, gilt zwar als "betrügerisch" und "ungerecht" jedoch auch als "notwendig" und "wichtig".66 "Tout comprendre, c'est tout pardonner" stellt tatsächlich eine Versu­ chung und eine fatale Gefahr für die Ethnologie dar: Dennoch lassen sich die mediterranen Klientelen nicht als blosser Ausdruck "polit-anthropo- logischer Schäbigkeit" interpretieren, denn die damit verbundenen Ver­ handlungspraktiken zielen auch aus der Sicht der "Eingekapselten" le­ diglich darauf ab, ausgewogenere und günstigere Chancen für Indivi­ duen und Kleingruppen dem überlagernden Staat gegenüber zu schaffen. Zusammenfassende Bemerkungen Die Frage, die ich in diesem Kapitel abschliessend stellen möchte, lautet, was aus den vorgestellten ethnographischen Materialien, die absichtlich so heterogen gewählt wurden, im Hinblick auf die Problematik der auch von der Subsidiaritätsdiskussion angesprochenen Verhältnisse und Inter­ aktionen zwischen einerseits "grossen" und andererseits "kleinen" Gruppen innerhalb eines bestimmten Verbandes herausgelesen werden kann. Ich glaube, dass die vorgelegten Daten die nicht selten thematisierte Annahme der universellen Natur des Subsidiaritätsprinzips kaum bestä­ tigen. Obwohl ich gewiss nichts Neues sage, bleibt festzuhalten, dass Subsidiarität nur schwerlich als transkulturelles Phänomen begriffen werden kann, das sich nachweisen lässt, als ob die Gesellschaften der Welt ein einziges monolithisches und monotones Areal bilden würden. Was eher als universell und transkulturell betrachtet werden kann, ist dagegen das Problem der Gestaltung der Relationen zwischen "grossen" 66 Herzfeld; Giordano, 416 ff. 156
        

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