Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/143/
So viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich Papandreous nach der Machtübernahme in Griechenland zu Beginn der achtziger Jahre eine neue, ehrgeizige Kulturpolitik entworfen, die vor al­ lem von der damaligen zuständigen Ministerin Mehna Mercouri mit Nachdruck vorangetrieben wurde. Einer der Grundpfeiler dieser neuen Politik war der Denkmalschutz mit der dementsprechenden Bekämp­ fung der Bauspekulation in Ortschaften von historischem bzw. archäolo­ gischem Interesse. Im Zuge dieser Pläne, die auch Rethemnos betrafen, wurde eine Reihe gesetzlicher Massnahmen verabschiedet, die unter an­ derem auch die Umbauprojekte der Hauseigentümer regelte. So wurde beispielsweise die Veränderung der Fassade oder die Aufstockung der Häuser streng untersagt. Dies ist gewiss nichts Sensationelles, denn sol­ che Verbote und ähnliche Reglementierungen sind längst auch bei uns bekannt. Interessant für unsere Thematik ist dagegen die kollektive Re­ aktion der Altstadtbewohner von Rethemnos, die fast ausnahmslos das Denkmalschutzprojekt der Athener Regierung als die übliche Schikane einer polit-administrativen KJasse von "Räubern" und "Betrügern" in­ terpretierten.65 Herzfeld zeigt in der Folge, dass sich die Ablehnung des Denkmal­ schutzgesetzes durch die "eingekapselten" Bürger von Rethemnos nicht in einer offenen Protestbewegung konkretisierte. Man konnte dagegen eine Fülle von personalisierten Initiativen beobachten, in denen die Pa­ trone und speziell mittlere Bürokraten und Lokalpolitiker die Rolle der Vermittler zwischen den "Mächtigen" in Athen und den Gemeindemit­ gliedern spielten. Wie das Beispiel von Rethemnos nochmals beweist, liegt die Hauptfunktion dieser Patrone gerade darin, die expansiven Ten­ denzen des bürokratischen Rechtsstaates, der wohlgemerkt in Griechen­ land sowie in den anderen südeuropäischen Mittelmeergesellschaften nur mit einer sehr prekären Legitimitätsgeltung ausgestattet ist, mit Hilfe von Verhandlungsleistungen einzudämmen. Durch die Aktivierung klientelärer Netzwerke, die für die sich über­ lagert fühlenden Bürger als die einzig echte Garantie einer erfolgreichen Verhandlungsstrategie gelten, sollen vor allem die Rechtsnormen, die in­ nerhalb eines gegebenen Staatsverbandes grundsätzlich allgemeingültig und verbindlich sind, "flexibilisiert" und den lokalen Bedürfnissen ange- passt werden. Bei diesen klientelären Vermittlungstätigkeiten handelt es sich also um meist informelle Handlungspraktiken, die auf partiell illega- 45 Herzfeld, 202. 155
        

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