Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/137/
So viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich Königreich und tribale Dissidenz: Die marokkanische Praxis Das traditionelle politische System Marokkos war für die meisten An­ thropologen und Soziologen, die sich mit diesem Phänomen befasst ha­ ben, etwas rätselhaft. Einerseits war es nominell eine absolute Theokra- tie,47 andererseits präsentierte es sich dem Beobachter an Ort und Stelle als ein wilder Haufen turbulenter und gewalttätiger Stämme, die jeder­ zeit bereit waren, einen Aufstand zu entfesseln.48 Letzteres Bild konnte gerade auch deshalb entstehen, weil die Ge­ schichte Marokkos bis zum heutigen Zeitpunkt von einer eindrucksvol­ len Sequenz von Erhebungen mit sehr unterschiedlichen Merkmalen charakterisiert wurde: Agrarrebellionen, bewaffnete Dissidenz der "marabout", aber auch Banditismus und - obwohl etwas seltener - städ­ tische Revolten prägen pausenlos das Leben der marokkanischen Gesell­ schaft.49 Man könnte im ersten Augenblick fast meinen, dass dieser Staat des Maghrebs durch eine chronische Instabilität gekennzeichnet ist. Um dieses Phänomen zu deuten, haben nun die meisten Autoren bekanntlich die Rolle der Opposition zwischen "mahzan" und "siba" hervorgeho­ ben. "Mahzan", das zugleich als etymologische Wurzel für Wörter wie "almacen", "magasin", "magazzino", "Magazin" usw. gilt,50 ist eigentlich ein Synonym für "Regierung" bzw. "Verwaltung" und speziell für deren Schatz- und Finanzämter. "Bled al mahzan" wird daher das Gebiet ge­ nannt, das von diesen Institutionen "besessen" d.h. kontrolliert wird. "Siba" bedeutet wörtlich Unordnung bzw. Chaos, so dass mit "Bled es siba" das "Territorium der Anmassung" und im übertragenen Sinne der "Dissidenz" assoziiert wird.51 Das politische Leben Marokkos wird laut dieser Interpretationen durch den ständigen Kontrast, ja sogar die fortlaufende offene Feind­ schaft zwischen königlicher Verwaltung und segmentären Stammesauto­ nomien charakterisiert. Diese Annahme ist sicherlich nicht ganz falsch; sie verleitet allerdings zu zwar naheliegenden, jedoch verfehlten Schluss­ folgerungen. Man konnte beispielsweise meinen und man hat es tatsäch­ lich gemeint, dass "mahzan" und "siba" zwei voneinander unabhängige 47 Gellner 1969,61. <• Gellner 1985, 292 f. 49 Montagne; Laroui, 126 ff. " Polanyi 1978,231. 51 Polanyi 1978,231. 149
        

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