Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/135/
So viel Staat wie nötig, so -wenig Staat wie möglich Ob die jeweiligen Zentralgewalten tatsächlich die Einrichtung der "pancayat" ermutigt haben, sei hier dahin gestellt; zu dieser Annahme von Dumont Hessen sich allerdings historisch begründete Zweifel anmel­ den. Wichtiger und interessanter ist dagegen der Hinweis auf die "Ein- kapselung" dieser dörflichen Gremien, die die lokale Autonomie garan­ tieren, durch eine "grössere" politisch-bürokratische Organisation. Bai- ley, der diese Tatsache deutlich erkannt hat, stellte sich daher die Frage, nach welchen Handlungsmustern die Beziehungen zwischen dörflichem "pancayat" und zentraler Herrschaft verlaufen. Nach genauer Untersu­ chung ist er, ähnlich wie die Erforscher des Inka-Reichs, auf die heraus­ ragende Rolle des Vermittlers gestossen.44 Als paradigmatisch kann der folgende Fall aus Orissa (Ostindien) gel­ ten. In dieser Region waren die Verhandlungsvoraussetzungen zwischen "einkapselnden" Strukturen und "eingekapselten" Gremien sowohl während der vorkolonialen Epoche als auch während der britischen Herrschaft aus geographischen Gegebenheiten und aus sprachlich-kultu- rellen Barrieren besonders problematisch. Eine ständige Schwierigkeit stellte beispielsweise auch die Kastenzugehörigkeit dar, denn für die "pancayat"-Mitglieder, die - wie bereits gesagt - meistens der höheren Lokalkaste entstammten, war es einfach stigmatisierend, wenn es ihnen nicht sogar untersagt war, mit "Fremden", die eventuell aus niedrigeren sozialen Verhältnissen kamen, ebenbürtige Relationen zu haben oder gar Verhandlungen jeglicher Art zu führen. Um diese sozial sowie sprachlich bedingten Kommunikationsbarrie­ ren zu überbrücken, hatte sich mit der Zeit, wie auch die britischen Quel­ len durchgehend bestätigen, im Einvernehmen beider Parteien die ver­ handelnde Rolle des "digaloo" durchgesetzt. Die "digaloos" waren in Orissa die Vermittler schlechthin und sie übernahmen die wesentliche Funktion des "Boten" zwischen "einkapselnden" und "eingekapselten" Gruppen. Über die zwischenkulturelle Bedeutung und die Rollenvielfalt des "Boten" braucht man nicht viel Zeit zu verwenden; es genügt darauf hinzuweisen, dass bereits die griechische Mythologie, um nur ein ganz berühmtes Beispiel aus der okzidentalen Tradition zu zitieren, dem "Bo­ ten" sogar eine Gottesgestalt gewidmet hatte. In ganz Indien und spezi­ ell in Orissa galt der "digaloo" als unentbehrlich, obwohl er zu den so­ zial Verachteten gehörte, da er in der Regel der Gruppe der Unberührba- 44 Bailey, 170 ff. 147
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.