Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/125/
So viel Staat wie nötig, so wenig Staat wie möglich einige gute Beispiele für "Objekte" ethnologischer Forschung dar, die über höchst differenzierte politisch-bürokratische Strukturen verfü­ gen. Solche Gesellschaften stützen sich geradezu auf arbeitsteilige Verwaltungsstäbe, die den Kern der staatlichen Herrschaft bilden. In einem solchen Kontext ist es deshalb sinnvoll zu überprüfen, ob und inwieweit Formen der Subsidiarität bestehen. 2) Der Subsidiaritätsbegriff ist definitionsmassig durch einen relationa­ len Charakter geprägt, denn er impliziert das Reflektieren über die Beziehungen zwischen sozialen Aggregaten und zwar zwischen "grossen" und "kleinen" Gruppen, d.h. zwischen übergreifenden Herrschaftsinstitutionen und lokalen Verbänden und Koalitionen. Die ethnographischen Quellen sprechen nun sehr deutlich: Auch das totalitärste System, wie beispielsweise dasjenige der Inkas im vorkolum­ bianischen Peru, lässt ein Quantum an "Offenheit" zu, die sich in tole­ rierten oder gar anerkannten Arten formeller bzw. informeller Lokalau­ tonomien herauskristallisiert. In jeder staatlich organisierten Gesellschaft nehmen also die Zentralinstanzen - trotz ihrer totalisierenden, globali­ sierenden und homogenisierenden Tendenzen eine gewisse "subsidiäre" Funktion ein. Subsidiarität ist freilich weder ein universales Prinzip, noch ein Merkmal der "conditio humana" und auch kein Grundbedürf­ nis. Alle diese Begriffe sind für den empirisch arbeitenden Ethnologen viel zu abstrakt, da sie in keinem konkreten Verhaltensmuster eine Ent­ sprechung finden. Was dagegen durch ethnographische Materialien fest­ gehalten werden kann, sind vermutlich die "funktionalen Äquivalenten" zum okzidentalen Subsidiaritätsprinzip. Konkreter gesprochen: Die Menschen als Akteure und als Mitglieder "kleiner" Gruppen sind im Alltag stets dabei, über die vom Staat getroffenen Entscheidungen zu verhandeln. Mit Hilfe von formellen Verbänden, informellen Koalitio­ nen und zahlreichen Handlungsstrategien, die meistens aus dem eigenen, direkten bzw. mediatisierten Erfahrungsraum entspringen, akzeptieren, beanstanden und manipulieren die Akteure die staatlichen Bestimmun­ gen und Massnahmen. Durch diese im vorweltlich geprägten "local knowledge"4 verankerten Verhandlungen wird der Staat sozusagen alltäglich "subsidiarisiert". 4 Geertz, 167 ff. 137
        

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