Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
19
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000062648/100/
Thomas O. Hüglin Bundesstaat hinaus: Teilgemeinschaften sind nicht nur Städte und Pro­ vinzen (öffentlich), sondern auch Stände und Gilden (privat, notwendig, freiwillig) sowie Familienverbände (privat, natürlich). Dies ist vor allem eine entscheidende Erweiterung des Politischen. Nicht nur wird das Föderalismuskonzept bis zur kleinsten Einheit an der gesellschaftlichen Basis erweitert, sondern es wird auch die private Exi­ stenz von Familien und Berufsverbänden mit in den Bereich des Politischen einbezogen. Für Althusius ist das ganz selbstverständlich, denn er kennt weder die klassisch-liberale Trennung von Individuum und Staat, wie sie etwa bei Hobbes und vor allem Locke ihren Anfang nimmt, noch die strikte Trennung von öffentlichem Staat und privatem Markt. Der Markt ist noch weitgehend öffentlich, und das private Verhalten in der frühmodernen Gesellschaft daher mindestens teilweise auch politisch. Die Tatsache, dass das Volk bei Althusius politisch nicht in erster Linie aus Individuen, sondern aus engeren und weiteren Teilgemein­ schaften zusammengesetzt ist, hat man bisweilen als "kollektivistische" Bestimmung des Politischen gedeutet.33 Dies ist aber aus moderner Sicht eher missverständlich. Auf der Grundlage einer liberalen Zuordnung von Individuum und Staat wird Kollektivismus in der Regel als kollektive Vereinnahmung von Individuen oder Gruppen durch den Staat, also "von oben" verstanden. Das genaue Gegenteil ist die Absicht der althu- sischen Föderalismuskonstruktion. Er begreift Politik als einen Prozess intergrupplicher Vergemeinschaftung "von unten". Richtig ist sicher, dass Althusius menschliche Existenz nicht als vereinzelt oder individua­ listisch, sondern ganz aristotelisch als gemeinschaftsorientiert begreift.34 Die nähere Bestimmung des Gemeinschaftszwecks und die subsidiäre Ausgrenzung des Allgemeinen und Besonderen schliesst aber minde­ stens eine staats-kollektivistische oder gar totalitäre Vereinnahmung par­ tikularer Existenz "von oben" aus. Zweck einer jeden Gemeinschaft ist ja die gegenseitige Kommunikation und Bereitstellung alles dessen, was für ein harmonisches Sozialleben jeweils notwendig und nützlich ist. Das "Politische" daran ist aber gerade nicht etwa die Regulierung von Familien- oder Gildeninteressen von oben, son­ dern die Ausgrenzung eigenständiger Lebensbereiche von unten.35 3} Siehe Friedrich, 117-18. iA Siehe vor allem (I. 31-32). " Es kann nicht unterschlagen werden, dass Althusius eine ausgesprochen patriarchalische Vorstellung vom Familienleben hat, die sich vom Sozialleben in allen anderen Konsozia- 108
        

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