Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/62/
Sozioökonomischer Kontext sich der Geheimnisschutz auf das Steuer-, Bank- und Berufsgeheimnis bezieht, um den Kapi- talabfluss aus dem Ausland sicherzustellen. Genaue Zahlen sind wohl nur der Regierung be­ kannt. Darüber hinaus verfügt Liechtenstein, dessen öffentliche Haushalte (Land und Ge­ meinden) zusammen ein Volumen von ca. 500 Millionen Schweizer Franken umfassen, über keine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, und in den sensitiven Bereichen werden verständ­ licherweise keine für die Öffentlichkeit zugänglichen Statistiken erhoben. Allerdings kann ohne Bedenken angenommen werden, dass das liechtensteinische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mindestens auf der Höhe desjenigen der Schweiz liegt, eher wohl um einiges darüber. Hinsichtlich der Anzahl der Sitzgesellschaften bestehen nur Vermutungen, aber auch in der liechtensteinischen Presse (abgesehen von den sich teilweise über mehrere Seiten hinzie­ henden Anzeigen über Gründungen, Änderungen und Kraftloserklärungen) gibt es mitunter durchaus brauchbare Hinweise der mehr indirekten Art. So führte der liechtensteinische Ge­ neralsekretär des Nationalen Olympischen Komitees im "Liechtensteiner Volksblatt" vom 7.9.1988 zur Verbesserung der Spitzensport-Rahmenbedineungen im Fürstentum u.a. aus, der Landtag möge gemäss seinem Vorschlag "den Beschluss fassen, dass die Sitzgesellschaften während eines Jahres 100 Franken je Gesellschaft als besondere Gesellschaftssteuer zusätzlich abführen müssten. - Durch diese einmalige Aktion könnten dem Sport auf einen Schlag 5 bis 6 Millionen Franken zugeführt werden, ohne dass die 'armen' Liechtensteiner in die eigene Tasche greifen müssten. Die besonderen Gesellschaftssteuern ermöglichen ja unter anderem auch, dass Liechtenstein ein interessanter Standort für die Industrie ist und unsere Einkom­ menssteuer sehr niedrig ist, denn im Prinzip zahlt ja der Ausländer unsere Steuern."127 Über das Gesellschafts- und Treuhandwesen resp. den Finanz-Dienstleistungsbereich wird im Fürstentum Liechtenstein jedoch eher selten eine Auseinandersetzung geführt. Es gehört dieser Bereich neben der Monarchie und der katholischen Kirche zu den eigentlichen Tabuthemen. Walter Bruno Wohlwend stellte in einem Artikel im alternativen "Löwenzahn" fest, dass von diesem Bereich zwar "jeder von uns massiv profitiert, über den viele aber am liebsten nicht reden möchten", andererseits könne der Staat aufgrund seiner Fiskalhoheit aus diesem Sektor derart viel kassieren, dass er in die Lage versetzt sei, "das ewigvolle Wunderhorn der Beiträge und Subventionen über uns allen" auszuschütten. Andererseits werde von links-al- ternativer Seite der Zeigefinger emporgehoben, obwohl "das Dutzend der Dubiosen, die im Ablauf eines Kalenderjahres ins Gerede kommen" vergleichsweise bescheiden ausfalle. Für Wohlwend sitzen die wahren "Täter" zunächst einmal im Ausland, nur würden die liechten­ steinischen Treuhänder zwangsläufig zu "Komplizen" Wünschenswert wäre eine "noch kla­ rere" Definition des Disziplinarverfahrens gegen Treuhänder oder Anwälte, wie Wohlwend feststellt, "die passiv oder aktiv den Missbrauch unseres Gesellschaftswesens ermöglichen. Mit einer oder zwei Ausnahmen, bei denen kein innenpolitisches Risiko mehr gegeben war, ist mir bis heute kein Fall bekannt, in dem ein Treuhänder wegen gesetzwidrigem Verhalten bis zur letzten Konsequenz (sprich Berufsverbot) zur Rechenschaft gezogen worden ist. Der Staat Liechtenstein, das wissen wir alle, ist zwar emsig, wenn es gilt, Gesetze zu produzieren. Wenn es darum geht, gesetzliche Vorschriften konsequent durchzusetzen, scheitert er aber an der Vetternwirtschaft, die einem mikrostaatlichen Gebilde innewohnt wie jedem anderen grossen Dorf.... Hüten wir uns vor Scheinheiligkeiten! So lange wir alle - ohne Ausnahme! - in irgendeiner Form an der Mutterbrust des Gesellschaftswesens saugen (vom Finanzaus­ gleich über die niedrigen Hypothekarzinsen, den sozialen Wohnungsbau, den gelegentlichen Nulltarif im öffentlichen Verkehr, die Beamtengehälter, die milde Besteuerung der Erwerbs­ einkommen und Vermögen, das Gesundheits- und Sozialwesen oder über das ewigvolle Wunderhorn der staatlichen Subventionen und Beiträge), sollten wir offen und ehrlich dazu stehen, dass Liechtenstein in der europäischen Steuerwüste eben eine jener Oasen ist, die es 127 Liechtensteiner Volksblatt vom 7.9.1988, S. 7. 60
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.