Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/61/
Sozioökonomischer Kontext "wertfrei" möglichst umfassend aufgezeigt werden sollen: politische Stabilität/Kontinuität über Jahre hinweg, Neutralität und neutrale Nachbarstaaten, konservative Einstellung von Regierung, Landtag und Bevölkerung sowie das Fehlen jeder Verstaatlichungs- und Enteig­ nungsgefahr, niedrige Kapitalkosten, vergleichsweise hoher Qualifikationsgrad der Arbeits­ kräfte, günstiges ("ultraliberales") Steuerklima und Holdingprivileg, "liberale" Wirtschafts­ politik mit grossen unternehmerischen Handlungsspielräumen, effiziente Infrastruktur, ge­ ringer Bürokratisierungsgrad, konsensbereite Sozialpartner, leistungsfähiges Bankensystem mit strengem Bankgeheimnis, die für Liechtenstein besonders vorteilhafte Wirtschafts-, Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz, günstiges Arbeitsklima, eine vergleichsweise hohe Ak­ zeptanz der "Wirtschaft" in der Bevölkerung, hoher Lebensstandard, "besondere Rechtsord­ nung" in kapitalistisch und fiskalisch sensitiven Bereichen, Verwendung des gänzlich konver- tiblen Schweizer Frankens. Durch diese Vorteile wurden die liechtensteinspezifischen Nachteile bislang mehr als kom­ pensiert. Die wirtschaftlichen 
Standonnachteile bestehen vor allem darin: keine eigenen Roh­ stoffe (abgesehen von den Steinbrüchen, Sand, Kies und Ton), so dass die Industrierohstoffe vollumfänglich importiert werden, hohe Lohn- und Lohnnebenkosten, begrenzter Arbeits­ markt, extrem kleiner Binnenmarkt, Kundenfeme, Randlage im schweizerischen Wirtschafts­ raum, Distanz zu den europäischen Ausbildungs- und Forschungszentren, keine Wirtschafts­ förderung, gewisse Angleichung des Zinsniveaus an dasjenige der umliegenden Landet; keine Exportförderung, latent vorhandene Anspruchsinflation, hohe Auslandsabhängigkeit.11* Liechtenstein ist in bezug auf Rohstoffe zu 100 % vom Ausland abhängig, ebenso in nahe­ zu dieser Grösse im Tourismusbereich. Eine Abhängigkeit vom Ausland zu ca. 90 Prozent besteht bei der Energie und beim Kapitalzufluss. Bei 80 Prozent liegt die Dependenz in bezug auf Nahrungsmittel, bei 60 Prozent hinsichtlich der Arbeitskräfte, wobei die Tendenz anstei­ gend ist, da auch die Geburtenrate sinkt (alle Angaben sind Näherungswerte). Die 
Aussenabhängigkeit Liechtensteins ist somit eklatant. Sie zeigt sich in der Aussenwin- schaft. 1991 hat Liechtenstein Waren im Wert von 2246 Mio. Franken mit folgenden AnteiJen in diese Wirtschaftsräume exportiert: EFTA 20,3 % (davon 14,9 % in die Schweiz), EG 45,3 %, in übrige Länder 34,4 %. Der Export in EFTA- und EG-Länder liegt demnach bei 65,6 %. Die Leistung der liechtensteinischen Exportwirtschaft in den letzten Jahrzehnten war und ist imponierend. Sie kann nur beibehalten werden, wenn keine Verlagerung der Grenzgänger­ ströme eintritt. 1991 ist es jedoch zu einer Abschwächung der Wirtschaft gekommen, und ei­ nige Betriebe mussten bei der Regierung Kurzarbeit anmelden. Die Fragezeichen im Hoch­ lohnland Liechtenstein mehren sich, und es steht eine neue Fragilitat bevor mit unberechen­ baren Zukunftsaussichten. Trotz des kleinstaatlichen Mangels an materiellen und personellen Ressourcen hatte das Fürstentum in den letzten drei bis vier Dezennien die spezifischen Standortvorteile jedoch gut nutzen können, insbesondere auch aufgrund des "kaufmännischen Umganges mit der Souveränität". Die so geschaffene und nunmehr konstant vorhandene "Ressource" der eige­ nen 
Rechtssetzungskompetenz im Hinblick auf ein niedrig taxiertes Steuersystem und die Be­ reitstellung spezieller Rechtsinstitute des Personen- und Gesellschaftsrechtes begründete eine lukrative "orf-shore" Position Liechtensteins. Alle Kategorien der im Inlandsgeschäft nicht tätigen Sitz- und Holdinggesellschaften ("Briefkastenfirmen") sind steuerlich besonders pri­ vilegiert, im Gegensatz zur Schweiz wird auch keine Quellensteuer erhoben. Hierauf gründet vermöge ihrer fiskalischen Ergiebigkeit und aufgrund der protektionistischen Schranken im Bank- und Treuhandwesen (engmaschiger liechtensteinischer Heimatschutz, der bislang je­ doch noch nicht zur Diskriminierung liechtensteinischer Firmen im EG-Raum führte) zu ei­ nem überwiegenden Teil der Reichtum Liechtensteins. Im Lande verwalten etwa 100-150 Be­ rufsgeheimnisträger (Rechtsanwälte und Treuhänder) rund 60000 Sitzgesellschaften, wobei 126 Vgl. u.a. Kneschaurek/Graf 1990, S. 139 f. 59
        

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