Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/58/
Sozioökonomischer Kontext Bei der 
teilweisen Suspendierung des Freizügigkeitsabkommens zwischen Liechtenstein und der Schweiz im Jahre 1980 auf Initiative der liechtensteinischen Regierung war die Frage der soziokulturellen Identität der eigentliche Hintergrund für diesen unilateralen Schritt."7 Man wollte der "Überfremdung" im Fürstentum Einhalt gebieten. Andererseits benötigt Liechtenstein hochqualifiziertes Personal. Dieser Bedarf kann mit Einheimischen keineswegs gedeckt werden, und zwar nicht einmal annähernd. Es handelte sich politikwissenschaftlich also um 
ein entscheidungstheoretisches Problem. Danach war es das Ziel der liechtensteini­ schen Regierung, Massnahmen zu ergreifen, die zum einen den Ausländerbestand reduzieren, zum anderen die wirtschaftliche Entwicklung nicht bremsen. Die Lösungskonstruktion für diese fast mit der Quadratur des Kreises zu vergleichende Problemstellung lautete: Man kün­ digt das Freizügigkeitsabkommen, nimmt aber die Grenzgänger von dieser Regelung aus. Damit wird zwar die Überfremdung am Arbeitsplatz nicht reduziert, und der Anteil der Schweizer Grenzgänger nimmt zu, dennoch aber kann auf diese Weise der Anteil der Schwei­ zer an der Wohnbevölkerung reduziert werden. In einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung zu dieser Frage in einem Forschungssemi­ nar der Universität Zürich aus dem Jahre 1990 kommt der Autor Thomas Hasler zu dem Er­ gebnis, dass sich der Anteil der in Liechtenstein wohnhaften Schweizerinnen und Schweizer in der Tat verringert hat, ohne Intervention sogar eine leichte Steigerung eingetreten wäre. Hinsichtlich der in Liechtenstein wohnhaften Schweizer Erwerbstätigen ist der Anteil eben­ falls zurückgegangen. Teilt man die Zahl der Schweizer Erwerbstätigen hingegen in Jahres­ aufenthalter und Niedergelassene auf, zeigt sich ein etwas anderes Bild: Bei den Jahresaufent­ haltern ist der Rückgang beträchtlich, bei den Niedergelassenen hingegen wirkte sich die In­ tervention überhaupt nicht aus. Im Gegenteil betrug die Zunahme auch nach der Interventi­ on acht Prozent. Die Abnahme der Schweizer Erwerbstätigen mit Wohnsitz im Fürstentum ist demnach voll und ganz auf die Abnahme bei den Jahresaufenthaltern zurückzuführen, ohne die Intervention wäre andererseits die Zahl der Niedergelassenen weniger schnell ange­ stiegen. Die Schlussbewertung der Fallstudie zur Evaluation politischer Programme lautet, dass die liechtensteinische Regierung weit davon entfernt ist, das Problem der Überfremdung in den Griff zu bekommen; denn sie hat das Problem im wesentlichen nur "an die Grenze" verschoben. In der Zeit der restriktiven Politik gegenüber Schweizerinnen und Schweizern (mit reziproken Konsequenzen für Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner in der Schweiz, die dort keinen Rechtsanspruch auf Niederlassung haben) ist der Anteil der Schweizer Grenzgänger massiv angestiegen. Der Rückgang der Überfremdung in Liechtenstein erhält somit den Beigeschmack des blossen 
Scheinerfolges, insofern die Überfremdung am Arbeits­ platz damit in keiner Weise gestoppt werden konnte. Ausserdem kann der Rückgang der Schweizer Kolonie auch nicht allein auf die Massnahme Liechtensteins zurückgeführt werden, sondern es müssen auch weitere Variablen in Betracht gezogen werden, so u.a. das Mietzinsgefälle zwischen Liechtenstein und dem Rheintal. Gesamthaft hat das Fürstentum Liechtenstein volkswirtschaftlich im Gefolge der fast drei­ hundertmal grösseren Schweiz - gewissermassen als ihr Ticketpartner - 
eine außiolende Spät­ industrialisierung seiner Exportökonomie vollzogen und dabei in nicht einmal fünfzig Jahren einen sozioökonomischen Entwicklungsprozess erfolgreich absolviert, dessen Rapid itat er­ staunlich und im kollektiven Bewusstsein noch immer nicht völlig verarbeitet ist. Bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein "waren die Produktionsbedingungen dergestalt, dass nicht mehr als etwa 8000 Einwohner ernährt werden konnten." Die Entwick­ lung der liechtensteinischen Wohnbevölkerung seit 1852 zeigt die "starke Zunahme der Aus­ länder an der einheimischen Wohnbevölkerung seit den 50er- und vermehrt den 60er- und 70er-Jahren.""8 1,7 Siehe Hasler 1990. m Büchel 1990, S. 280 f. - Graphik aus: Liechtenstein in Zahlen 1992, hrsg. vom Amt für Volkswirtschaft, Vaduz, S. 12. 56
        

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