Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/380/
XII. Kapitel: Synthese 'Lehren wir um selbst und andere, dass Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein muss, besonders wenn man darunter die Kunst der Spekulation, des Kalküls, der Intrigen, geheimer Verträge und pragmatischen Manövrierens versteht, sondern dass sie auch die Kunst des Unmöglichen sein kann, nämlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen.* (Vaclav Havel 1990)' Liechtenstein ist nach eigener Einschätzung resp. getreu seiner Selbstthematisierung ein "Kleinstaat im Herzen Europas" Anders ausgedrückt: Das Fürstentum ist der viertkleinste Staat im (nach Australien) zweitkleinsten Erdteil, und es hat bis heute die letzte deutschspra­ chige Monarchie bewahrt. Allerdings ist Liechtenstein grösser als Monaco, San Marino und Vatikanstadt zusammen. Ferner gilt: Je kleiner das Land, desto grösser ist das Ausland. Wegen des praktisch zu vernachlässigenden Binnenmarktes ist Liechtenstein ein Exportland par excellence. Es besteht eine mehrfache Auslandsabhängigkeit Liechtensteins, was auch für das überwiegend vom Ausland generierte Einkommen zutrifft. Das Fürstentum hat im Gefolge der fast dreihundertmal grösseren Schweiz, mit der eine umfangreiche Vertragsgemeinschaft besteht, eine aufholende Spätindustrialisierung seiner Exportökonomie vollzogen. Liechtenstein hat dabei in nicht einmal fünfzig Jahren einen sozioökonomischen Entwicklungs- und Modernisierungsprozess erfolgreich absolviert, des­ sen Rapidität erstaunlich und im kollektiven Bewusstsein noch nicht völlig verarbeitet ist. Hieraus erklärt sich eine gewisse, aber liechtensteinspezifische "Verteidigung gegen die Zeit". Trotz des kleinstaatlichen Mangels an materiellen und personellen Ressourcen hat das Fürstentum Liechtenstein günstige, wenngleich fragile Rahmenbedingungen und Standort­ vorteile geschaffen und bewahrt, die vorrangig auf der eigenen Rechtssetzungskompetenz im Hinblick auf ein niedrig taxiertes Steuersystem und die Bereitstellung spezieller Rechtsin­ stitute des Personen- und Gesellschaftsrechtes beruhen, die dazu befähigen, Vorteile aus dem Regelungsgefälle zu anderen Rechtssystemen im Ausland zu gewinnen und auszuschöpfen. Im Blick auf die europäischen Integrationsprozesse steht insbesondere Liechtensteins Aussenpolitik vor einer Wende, insofern Liechtenstein sich normalisieren, seine "Europa- fähigkeit" dokumentieren und ein 
kooperatives Gewicht einbringen muss, will es nicht ins Abseits geraten. Dagegen meldeten sich Partikularinteressen vehement zu Wort und werden sich erneut artikulieren, wenn die Anpassung des Zollvertrages und eine zweite EWR- Abstimmung ins Haus steht. Der machtreduzierte Kleinstaat benötigt im Konfliktfall den Rechtsschutz in höherem Masse als grössere Staaten, schon deshalb muss er kooperationswillig und zumindest partiell vorbildlich sein. Der vertragliche Beziehungsreichtum mit dem eidgenössischen Sozius war 1 Vaclav Havel, Von welcher Republik ich träume. Neujahrsansprache 1990, in: ders., Angst vor der Freiheit, Reinbek b. Hamburg 1991, S. 7-18, hier: S. 14. 379
        

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