Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/375/
Relativierung des Milizsystems Welt kennenzulernen. ... Je mehr (aber) die Psyche privatisiert, d.h. ins Private gedrängt wird, desto weniger wird sie stimuliert und desto schwieriger ist es für uns, zu fühlen oder Gefühle auszudrücken."24 Wenn sich - wie in kleinräumigen Gesellschaften notgedrungen - Gefühls- und Kollek­ tivleben miteinander verbinden, setzt eine selbstzerstörerische Dynamik ein. Sobald einzelne Personen oder Gruppen neue Gefühle oder Vorstellungen entwickeln, ist der Bestand der Gemeinschaft gefährdet: "Wer sich ändert, 'verrät' die Gemeinschaft. Die individuelle Abweichung bedroht die Stärke des Ganzen. Deshalb müssen die Menschen beobachtet und geprüft werden. Misstrauen und Solidarität, die scheinbar so gegensätzlich sind, fallen zusammen."" Die Menschen betreiben die öffentlichen Angelegenheiten dann entweder im Geiste ergebener Zurückhaltung oder auf der Basis von Gefühlsregungen, was beides inadä­ quat ist. Denn mit den öffentlichen Angelegenheiten kann angemessen nur auf der Grundlage von 
nicht-personalen Bedeutungen umgegangen werden. Auch für Liechtenstein kann in iro­ nischer Sprache gelten, dass "jede Person in gewissem Masse ein Horrorkabinett ist und dass daher zivilisierte Beziehungen zwischen Personen nur so weit gelingen, wie die hässlichen kleinen Geheimnisse des Begehrens, der Habgier, des Neids darin eingeschlossen bleiben."26 Die Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten muss auf der 
Sachebene stattfinden, damit dieser Raum nicht entleert wird, und es braucht die Bereitschaft und den Mut zum Engagement; denn "in dem Masse, wie die Menschen lernen können, ihre Interessen in der Gesellschaft entschlossen und offensiv zu verfolgen, lernen sie auch, öffentlich zu handeln."27 Relativierung des Milizsystems Die tatsächlich erzielten Politikergebnisse entsprechen auch in Liechtenstein nicht immer den sachlich am besten geeigneten Problemlösungsstandards, die generell zur Verfügung ste­ hen.28 Es erhebt sich daher in diesem Zusammenhang die mehr technisch-operative Frage, ob eine stärkere 
Pluralisierung, Professionalisierung oder 
Spezialisierung der Funktions- und Machteliten, die selbstredend auch den "Milizcharakter" tendenziell aufheben würden, dazu geeignet sind oder wären, neue politische Rationalitätsmuster anzustiften oder einzuüben und gleichzeitig die durchgreifende personalpolitische Ämterpatronage in funktionsgerech­ terer Weise abzubauen, ebenfalls der Tendenz nach. Das integrative Fliessgleichgewicht sich wechselseitig kontrollierender Kräfte würde sich zumindest auf einer anderen Ebene einpen­ deln und womöglich insgesamt zu einer stärkeren "Versachlichung" (im Unterschied zur vorerwähnten liechtensteinischen "Personalisierung" von Strukturen) der Politik führen, die weniger personenzentriert ausfällt. Wenn die Rollenkumulation seltener wird, die funktionalen Leistungserfordernisse auf mehr Personen verteilt werden können, mithin gesamtgesellschaftlich 
eine funktionale Diffe­ renzierung erfolgt, dann erwachsen unter Umständen auch neue Autonomieräume und ver­ ringert sich die Teilnahmeintensität für den einzelnen, vor allem und gerade in zeitlicher Hinsicht. Diese Entlastung könnte andererseits auch den Verlust von überproportionalem Einfluss bewirken und die mit dem Milizsystem verbundene Kontrollverdünnung beheben helfen. Vielleicht entsteht sogar so etwas wie Meinungsvielfalt. Allerdings stellt sich immer wieder das Problem des begrenzten personalen Reservoirs. Es ist wohl nicht davon auszu­ gehen, dass der Kleinstaat Liechtenstein von sich aus und auf absehbare Zeit über das hierfür notwendige breitgestreute Elitenpotential verfügen wird, so dass hieran geknüpfte Erwar- * Ebd., S. 15 f. « Ebd., S. 349. « Ebd., S. 17. » Ebd., S. 382. " Vgl. Buchcli 1979, S. III f. 374
        

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