Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/370/
Implikationen differenter Gruppen (auch ethnischer oder religiöser Art) ein hoher politischer Stabilitäts­ grad erzielt und erhalten werden kann, nämlich in Form eines gleichsam "inklusiven" Ent­ scheidungssystems. Kleine Sozialsysteme müssen in funktionaler Betrachtung demnach min­ destens vier Problemstellungen erfolgreich bewältigen: - die optimale Ausschöpfung knapper personeller Ressourcen, - die Sicherung und Erhöhung der adaptiven Flexibilität nach aussen, - die Vorbeugung und Regelung von Konflikten sowie - eine politisch-administrative Selbststabilisierung angesichts von Kleinheit und Interde- pendenz bzw. identitätsbedrohender Dependenz.6 Hinsichtlich der endogenen strukturellen Differenzierung kleiner hochentwickelter Gesell­ schaften könnte man auch von 
'Polyvalenz * (oder Plurivalenz) sprechen, insofern die struk­ turelle Knappheit besondere Problemlösungsstrategien erfordert, die auf einer individuellen Rollenanhäufung mit einem erweiterten Leistungskreis beruhen. Das bedeutet aber auch, dass die Akteure eine zur flexiblen und "polyvalenten" Anpassung fähige Persönlichkeits- struktur benötigen, um im Rahmen multipler Mitgliedschaften eigenständige Strukturie- rungsleistungen erbringen zu können, da in der Regel keine einheitlich normierten Lösungs­ wege zur Verfügung stehen und gerade in "Milizsystemen" auch keine Rollenprofessiona- lisierung vorausgesetzt werden kann.7 Auf diese Weise ist auch die für Modernisierungs­ prozesse verlaufstypische Bürokratisierungstendenz etwas weniger ausgeprägt und sind die sozialen Strukturen eher "personalisiert". Damit kommt den persönlichen Qualitäten und der Vertrauenswürdigkeit der verantwortlich Handelnden ein erhöhter Stellenwert zu. Auch auf der Systemebene kann schliesslich von sozialer Polyvalenz bzw. 
Polymorphie gesprochen werden, insofern in Kleinstaaten vorzugsweise soziale Organisationsformen ein­ gerichtet werden, die mit wenig Struktur auskommen und daher für neue Arrangements je nach Aufgabenstellung offen und zur Erbringung bedarfsgerechter funktionaler Leistungen disponibel sind.1 Insofern Leistungen zwischen den sozialen Teilsystemen in Liechtenstein stärker als in Grossflächenstaaten durch Personen hindurch übertragen werden und hierzu eine höhere persönliche Leistungsbereitschaft der sozialrelevanten Handlungsträger vonnöten ist, um der Multifunktionalität auch tatsächlich zu entsprechen, sind die Einfluss- und Wirkungschan­ cen sowie die damit verbundenen Kompetenz- und Erfolgsgefühle grösser - wie überhaupt die emotional-expressiven Leistungsdimensionen in kleinen Systemen generell wirksamer sein können* und kleine Gruppen im Regelfall mehr kollektives Handeln pro Kopf aufwei­ sen als grosse.Allerdings bestehen gleichzeitig weniger Freiräume von sozialer Kontrolle oder öffentlicher Normierung, sind die Möglichkeiten zu privatem Dissens und zur gesell­ schaftlichen Nischenbildung weniger gross." Vom gesamtgesellschaftlichen System des Kleinstaates mit knapper (materieller wie per­ soneller) Ressourcenbasis her gesehen, müssen ausserhalb des eigenen Systems, wie binnen­ komplex und ausdifferenziert auch immer, 
kompensatorische Systeme für nicht erbrachte, ökonomisch-instrumentelle Leistungen vorhanden sein.'2 In Sonderheit der Zoll- und Währungsvertrag, der PTT-Vertrag (Post, Telefon- und Telegrafenwesen) und diverse weitere Abkommen Liechtensteins mit der Schweiz (liechtensteinische Interessenvertretung im Drittausland, Vereinbarungen im Schul- und Hochschulwesen etc.) erfüllen diese Funktion. » Ebd., S. 223. Geser 1991, S. 101 ff. ' Vgl. G«er/Höpflinger 1976, S. 38 und Geser I9S0. 1 Vgl. GCSCT/Höpflinger 1976, S. 49 ff. » Siehe Hondrich 1980, S. 188 ff. '3 Olson 1985, S. 43. i« Hondrich 1980. S. 201 f. >2 Ebd., S. 186. 369
        

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