Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/323/
Wählerverhalten und Einflüsse Parteien betrifft. Demgegenüber kann die ÜLL auf das Potential der Unzufriedenen zurück­ greifen, während die Freie Liste aufgrund ihres eigenen programmatischen Profils schon so etwas wie eine Stammwählerschaft aufweist, was ihr Einzug in den Landtag 1993 bestätigte. Die Parteiidentifikation hinsichtlich der beiden im Landtag vertretenen grösseren Parteien ist nach wie vor hoch, von hierher erfolgt überwiegend auch die Interpretation der Streitthemen, d.h die Problemorientierung ist ebenfalls parteibezogen. Die Kandidatenauswahl ist stark männerorientiert, Frauen haben bis heute arg verminderte Wahlchancen. Jüngere und unver­ brauchte Kandidaten haben seit der Mandatszahlerhöhung verbesserte Chancen, einen Sitz im Parlament zu erreichen. Das Wählerverhalten ist ansonsten ziemlich stabil, grössere Ver­ änderungen und Wählerumschwünge finden nicht oder selten statt. Der letzte Wählerum­ schwung 1993 beendete eine fünfzehnjährige Dominanz der VU. Hinzu kommt bei der Wahl von 1993, dass erstmals drei Parteien Mandate erzielen konnten. Wahlen sind ferner wichtig für die Besetzung von Positionen und die Verteilung von Ämtern durch parteilich gebundene Personen, da der Proporzgedanke gesamtgesellschaft­ lich" durchgreift und die Ergebnisse der Landtagswahlen auf der Makroebene der Haupt­ schlüssel für den Zuteilungsmodus sind, der aber bei einer Allparteienregierung seit 1938 (ab 1993 muss von einer "Grossen Koalition" gesprochen werden) - im Grunde geht es bei den Parlamentswahlen vorwiegend um die 
exekutive Führerschaft - sich ebenfalls schon in vielen Bereichen wahlübergreifend etabliert hat. Parlamentswahlen in Liechtenstein verändern in der Regel (mit den erwähnten Ausnahmen, zuletzt 1993) relativ wenig, weil sie nicht in einen konkurrenz-, sondern einen 
konkordanzdemokratischen Zusammenhang (obwohl die Wahlen selbst natürlich ein 
kompetitives Element darstellen) eingebunden sind, zumal bei einem heute in Liechtenstein weithin gegebenen Wohlstand auch keine sozialstrukturellen Unterschiede als signifikante Wahlfaktoren mehr in Betracht kommen. "Uns geht es gut, so soll es bleiben" war dann (und nur dann) ein wahltaktisch und parteistrategisch geradezu "geniales" Motto. Ab 1993 wird auch die Freie Liste darauf drängen, bei der Besetzung von Stellen in Behörden, Gremien und Kommissionen angemessen berücksichtigt zu werden, um ihre Politikinhalte voranzubringen. Für die FBP erwies es sich nach der Staats- und Institutionenkrise im Landtagswahlkampf 1993 als wählerwirksam, dass ihr Regierungschef-Kandidat besonders augenfällig in Bro­ schüren und Grossanzeigen hervorhob: "Ich werde als Regierungschef in Harmonie mit unserem Fürsten leben." Der angeschlagene Regierungschef Hans Brunhart hatte vor der Wahl in einem Schreiben an alle Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner mit dem Briefkopf "Hans Brunhart. Fürstlicher Regierungschef" aus seiner Heimatgemeinde Balzers (und von Vaduz aus verschickt) Gerüchte dementieren wollen, dass der Landesfürst ihn womöglich nicht mehr als Regierungschef akzeptieren werde bzw. er nach den Wahlen innerhalb kurzem zurücktreten werde: "Beide Aussagen stimmen nicht, was für alle Gerüchte dieser Art gilt." Dieser Brief musste kontraproduktiv wirken, weil kurz vor der Wahl im "Volksblatt" ein (von ihm autorisiertes) Interview mit dem Landesfürsten erschien, in welchem Hans-Adam II. ausführte, dass er noch am 14. Dezember 1992 (also sechs Wochen nach Beilegung der Staats­ krise) Hans Brunhart den Rücktritt nahegelegt habe. Bei dem "Volksblatt"-Interview war auch die FBP-Regierungsmannschaft auf dem Schloss. Der Landesfürst hatte sich nach Gesprächen mit Vertretern beider Landtagsparteien im Einvernehmen mit diesen sodann dafür entschieden, die Entscheidung über den Regierungschef den Wählerinnen und Wählern zu überlassen. In bezug auf die Regierungsmannschaft der FBP, die ja komplett neu war, bejahte der Fürst ausdrücklich die Frage, ob diese sein volles Vertrauen hätte, die Geschicke des Landes zu lenken: "Ja natürlich. Die Frage der Regierungserfahrung ist relativ. Jeder hat einmal angefangen. Zudem dürfen wir nicht übersehen, dass wir heute eine recht gut funktio- 33 Insofern wird ab 1993 wohl auch die Freie Liste bei der Besetzung von Stellen und Positionen in den Behörden. Gremien und Kommissionen proportional berücksichtigt werden. Sie kann hier weitere politische "Vertrauensar- beit" leisten und hat insofern stark verbesserte Chancen, sich dauerhaft zu etablieren. 322
        

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