Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/32/
Kleinstaat rer" (free rider) und "Rosinenpicker" erweisen. Er kann unter Umständen Neid und Miss­ gunst auf sich ziehen, weil er die Not der hohen Auslandsinterdependenz in die Tugend ein­ seitigen Profitierens verwandeln kann. Man muss also den machtbezogenen Ansatz relativieren, wenngleich es dabei bleibt, dass der Kleinstaat wegen seiner (vor allem in der Breite fehlenden) Potenzen und Kapazitäten ver­ gleichsweise machtlos und verletzbar ist. Kleinstaatlichkeit stellt aber keineswegs ein retardie­ rendes Element im Prozess wirtschaftlichen Wachstums dar. So hat auch Vogel in seinen Un­ tersuchungen festgestellt, dass Kleinstaaten traditionellerweise sogar zu den "reichsten" Län­ dern der Welt gehören, wenn man auf das Bruttosozialprodukt (pro Kopf der Bevölkerung) abstellt. Insbesondere könne sich der Kleinstaat auf Produkte mit den höchsten komparativen Vorteilen spezialisieren, ohne die Weltnachfrage preisdrückend zu strapazieren, da sein Ange­ bot in der Regel auch dann noch immer einen kleinen Weltproduktionsanteil darstellt. "Kleinheit" bzw. "Grösse" ist damit auch ein Problem oder eine Frage der Perzeption und Selbsteinschätzung. Auf die Perspektive kommt es an. In der Chancenausnutzung bei struk­ turell geringen Möglichkeiten ist der erfolgreiche Kleinstaat kaum zu überbieten. Aber der Kleinstaat bleibt angewiesen auf eine wohlwollende Umwelt. Hans Vogel kommt bei seiner Analyse zu dem Schluss, dass hinsichtlich des privatwirtschaftlichen Systems kleiner offener Volkswirtschaften eine Partnerdiversifikation der externen Verflechtung im allgemeinen von Kleinstaaten nicht angewendet wird, insofern eine Konzentration des Aussenhandels auf Partner, deren Nachfrage stabil ist und deren Wirtschaft expandiert, die Stabilität der Aussen- handelserträge fördert, während die Zahl der ansonsten unerreichbaren Märkte mit ausrei­ chender Nachfrage und geeignetem Angebot sowieso beschränkt ist. Anders verhalte es sich hingegen im Blick auf Finanzplätze und die "off-shore"-Produktion von Leistungen. Der Kleinstaat ist und bleibt auf einen arbeitsteiligen Austausch mit der Umwelt angewie­ sen. Diese Austausch- und Abhängigkeitsbeziehungen determinieren die 
Vulnerabilität (Ver­ letzlichkeit) und 
Sensitivität (Empfindlichkeit) von Kleinstaaten in besonderem Masse und können als komplexe Koppelungseffekte bezeichnet werden, die keineswegs anhand eines einzelnen Indikators erfassbar sind. Der Kleinstaat muss wie jedes System eine bestimmte, gleichwohl soziohistorisch kontin- gente Kombination von Umweltoffenheit und innerer Geschlossenheit herstellen, um einer­ seits international Wettbewerbs- 
und kollektiv lernfähig zu sein 
(Anpassungsflexibilität), und um andererseits die gesamtgesellschaftliche Stabilität angesichts asymmetrischer Interdepen- denz zu befestigen sowie eine politisch-administrative Steuerungsfähigkeit (Regierbarkeit) und Selbststabilisierung zu erreichen, was als 
Konsistenzerfordernis zu begreifen ist. Letzteres kann durch die Institutionalisierung von Interessenvermittlungssystemen im Sinne der Sozial­ partnerschaft oder eines demokratischen Korporatismus erzielt und durch die Mobilisierung von Konsensualisierungsprozessen wirkungsvoll unterstützt werden. Die daraus mittel- und langfristig erwachsende politische Stabilität muss als ein wichtiger Standortvorteil des reüssie­ renden Kleinstaates angesehen werden, während als struktureller Nachteil die extreme Welt­ markt- und Auslandsabhängigkeit bleibt, die noch dadurch verstärkt wird, dass wirtschaftlich expandierende Kleinstaaten mit Steuervorteilen in wachsendem Masse von Akteuren durch­ drungen werden, die ihnen nicht angehören. Es ist dies ein Interpenetrationsproblem im Spannungsfeld von Interdependenz und Dependenz, das einmal grundsätzlich in international vergleichender Perspektive zu untersuchen wäre, hier aber nicht geleistet werden kann. Hinzu kommt, dass für konkrete Systemanalysen kleinstaatlicher Problemlagen situati­ onsspezifische Optionen, interne strukturelle Determinationsgefüge, verschiedene Policy- Stile, institutionelle Bedingungen und Arrangements, die Bewertung sozialer und politischer Handlungsfolgen u.a.m. jeweils in die Untersuchungen einbezogen werden müssen, um dem je besonderen Steuerungs- und Kooperationsbedarf zu genügen und auch theoretisch-analy­ tisch differenzierter vorgehen zu können. Damit soll auf allgemeine Aussagen zum Kleinstaat nicht verzichtet werden, aber sie reichen nicht für alle Erkenntniszwecke aus und müssen räum- und zeitbezogen ergänzt werden. 30
        

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