Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/304/
Neue Theorieansätze Neue Theorieansätze und Liechtenstein Nach den aufsehenerregenden, universell zu verstehenden Thesen von Mancur Olson in seiner Abhandlung über den Aufstieg und Niedergang von Nationen "vermindern Sonder­ interessengruppen und Kollusionen die Effizienz und das Gesamteinkommen der Gesell­ schaften, in denen sie wirken, und sie machen das politische Leben zwieträchtiger"* Vertei­ lungskoalitionen haben einen ungünstigen Einfluss auf die Wachstumsraten, insofern sie die Fähigkeit einer Gesellschaft verringern, "neue Technologien anzunehmen und eine Realloka- tion von Ressourcen vorzunehmen"." Die Zunahme von Verteilungskoalitionen erhöhe "die Komplexität der Regulierung, die Bedeutung des Staates und die Komplexität von Übereinkommen" und ändere somit "die Richtung der sozialen Evolution".66 Lobbies und Kartellorganisationen führten geradezu zwangsläufig zu Starrheiten in der Soziaistruktur. Vor allem Länder mit der längsten demo­ kratischen Koalitionsfreiheit und ohne Umbruch oder Invasion hätten am meisten unter wachstumshemmenden Organisationen und Verbindungen zu leiden und werden aufgrund •institutioneller Sklerose" der Tendenz nach "unregierbar".67 Wenn sich diese Annahmen für die neueren Zeiträume seit dem Zweiten Weltkrieg nicht überall bestätigen lassen, behilft sich Olson mit der Zusatzinterpretation, in diesen Fällen seien die Sonderinteressengruppen in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft vergleichsweise "umfassend" (encompassing), vor allem in kleinen und relativ homogenen Gesellschaften. Es könne aber keine Garantie dafür gegeben werden, dass "umfassende Organisationen immer in einer Weise handeln werden, die in Übereinstimmung mit dem Wohl ihrer Gesellschaften ist, oder dass die Gesellschaften mit solchen Organisationen notwendigerweise immer blühen werden"." Allerdings vernachlässigt Olson bei seinen Untersuchungen die je nationalspezifischen institutionellen Bedingungen und politischen Strukturen. Insbesondere länder- und bereichs­ spezifische Differenzen sowie nationale Policy-Stile, institutionelle Arrangements und kultu­ relle Grunddispositionen werden nur unzureichend berücksichtigt.6' Während sich Sonderinteressen nach Olson von ihrer Organisationslogik her ungünstig auf ökonomisches Wachstum auswirken und eine widerspruchsreiche Politik befördern, kommen vergleichbare andere Kontextanalysen zu teilweise gegenläufigen Ergebnissen. So hat vor allem Peter J. Katzenstein die Entwicklungsbedingungen europäischer Kleinstaaten (vor allem im Hinblick auf die Schweiz und Österreich) untersucht und aufgewiesen, dass ökonomische Flexibilität und politische Stabilität sowie der zwischen Kapital und Arbeit, Interessenorganisation und Staatsadministration spielende demokratische Korporatismus die wirtschaftliche Prosperität begünstigen.75 Während Olson nichtstaatliche Organisation aus­ schliesslich auf individuell zurechenbare Vorteile zurückführt, entstehen für Katzenstein korporatistische Verteilungskoalitionen im Hinblick auf ein kollektives Nutzenkalkül, näm­ lich um die Anpassungsflexibilität kleiner, weltmarktoffener Volkswirtschaften an sich ver­ ändernde Umraumbedingungen sicherzustellen. Dem Staat kommt dabei die Funktion der Konsensmobilisierung zu, die er angesichts von Komplexität offenbar nur noch in einer hoch organisierten gesellschaftlichen Umwelt erfolgreich wahrnehmen kann.71 Allerdings müssen sich die Argumentationsmuster von Olson und Katzenstein empirisch nicht unbedingt widersprechen, insofern "umfassende" Organisationsformen eine besondere « Olson 1985, S. 61. »s Ebd., S. 87. * Ebd., S. 97. » Ebd., S. 102 f. ** Ebd., S. 125 f. Siehe Feick,Jann 1988. ^ Siehe Katzenstein 1984 und 1985. " Czada 1988, S. 180. 303
        

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