Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/303/
Neokorporatismus Listen zu setzen. Seit 1953 vertritt der im Jahre 1956 zum Präsidenten des Liechtensteini­ schen Arbeitsverbandes gewählte Abgeordnete Johann Beck die Anliegen der Arbeiterschaft, besonders in Fragen der Sozialgesetzgebung."59 Sein Amtsnachfolger Alfons Schädler war ebenfalls von 1978 bis 1993 Abgeordneter der Vaterländischen Union im liechtensteinischen Landtag. Er konnte bei den Landtagswahlen 1993 sein Mandat nicht halten. Im 1989 bestellten Landtag sind mehrere Mandatare der VU vertreten, die in führenden Positionen bei der Hilti AG tätig sind oder waren. Es fehlt hin­ gegen im Parlament seit 1989 ein Bauer.60 Auch weitere Abgeordnete konnten als Interessen­ vertreter bezeichnet werden, so der VU-Abgeordnete Günther Wohlwend, LIHGA-Präsi- dent und seit 1990 Vorsteher der Gemeinde Eschen, der sich explizit als Vertreter des Gewer­ bes versteht. In der erwähnten Jubiläumsschrift des Arbeiterverbandes wird weiter (durchaus lobend) ausgeführt: "Der Aussenstehende erkennt die Arbeiten des Verbandes nicht immer, vollziehen sie sich doch selten im Lichte der Öffentlichkeit. ... Gross ist die Zahl der Verhandlungen bei der Vorberatung von Gesetzen, zuerst gewöhnlich in den Wirtschafts­ verbänden untereinander, dann in Konferenzen bei der Regierung."41 Herbert Wille stellte schon 1972 in einem Beitrag zum "Kleinstaat im Wandel" fest, dass die Vertretung von Sonderinteressen durch die Verbände, die hierin den allgemeiner orien­ tierten Parteien strukturell überlegen seien, stark an Gewicht zugenommen habe. Vor allem hätten sich Grossbetriebe als bedeutende Machtträger zwischen dem einzelnen und dem Staat aufgebaut: "Sie liegen zwar ausserhalb des Verfassungsfeldes, doch beeinflussen sie Sachentscheidun- gen ... Ihr Expansionsstreben droht dem Kleinstaat die Grundlage zu entziehen, vornehm­ lich dann, wenn Sachentscheidungen für den Staat in Rücksicht auf die Grossbetriebe gefällt werden. Unter diesem Gesichtswinkel scheinen Landtag und Regierung, die Orte, wo die staatswichtigen Entscheidungen gefällt werden müssen, zu Stätten der blossen Reproduktion bereits gefällter Entscheide herabgemindert zu werden. Neben der Schutzfunktion hat im Bewusstsein der industriellen Gesellschaft, die einer materiellen Lebenshaltung huldigt, der Staat eine Umdeutung erfahren, die zu stark den Dienstleistungscharakter in den Vorder­ grund rücken lässt."" Thomas Allgäuer kommt in seiner Dissertation aus dem Jahre 1989 zu einem ambivalen­ ten Ergebnis: "Über das Verhältnis von parlamentarischem und neokorporatistischem Kreislauf in Liechtenstein etwas aussagen zu können, ist schwierig: dominiert eines der Strukturmuster oder ergänzen sie sich gegenseitig? Manches spricht für eine symbiotische Verknüpfung beider Prinzipien. Das Netzwerk der informellen Beziehungen und Rollenkumulationen ist im Kleinstaat derart intensiv, dass anstelle der Konkurrenz der Kreisläufe deren Integration tritt. Die ausgeprägte personelle Verflechtung von Parteien, Vertretern von Partikularinteres­ sen, Regierung, Verwaltung und Parlament führt, verstärkt durch das System der Ko-Oppo- sition, wohl zu vor- und ausserparlamentarischen Entscheidungsverfahren, ohne aber den Landtag völlig auszuschalten. (Gerard) Batliner stellt zudem fest (und das deckt sich mit der Mehrheitsmeinung der von Allgäuer befragten Abgeordneten, A.W.), dass der Verbandsein- fluss in der Regel besonnen und gemässigt ausgeübt werde. Die grosse Akzeptanz der staat­ lichen Entscheidungen mag darauf zurückzuführen zu sein, dass die meisten politischen Interessen eben an diesem informellen Entscheidungsprozess beteiligt sind und sie in Partei, Fraktion, Landtag und Regierung aufeinanderstossen, sich artikulieren können, sich gegen­ seitig aber auch hemmen."" 59 Seger, Beck, Büchel 1970, S. 14. 60 Allerdings ist der Präsident der Vereinigung Bäuerlicher Organisationen, ein Jurist, vertreten; er ist seit 1993 Land­ tagspräsident. 61 Beck, Büchel 1970, S. 14 f. « Wille 1977, S. 23 f. « Allgäuer 1989, S. 100. 302
        

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