Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/301/
Funktionen Eine permanente 
Orientierungsproblematik stellt sich generell insbesondere dann, wenn die sozioökonomisch-psychologische These von Albert O. Hirschman zutrifft, wofüi in der Tat einiges spricht, dass die Bürger in Analogie zu Konjunkturzyklen zwischen Engagement und Enttäuschung/Rückzug oszillieren resp. zwischen dem Gemein- und Privatwohl hin und her schwanken." Der Präferenzwandel und die wechselnden Involvierungen im Hinblick auf individuelles und/oder kollektives Handeln aufgrund von Differenzen oder Asymmetrien zwischen Erwartungen und widerständiger Realität ereignen sich in einer sozialen Welt, "in der die Menschen überzeugt sind, sie wollten etwas ganz Bestimmtes, um dann, wenn sie es erreicht haben, zu ihrer Bestürzung festzustellen, dass dieser Wunsch kei­ neswegs so gross war, wie sie angenommen hatten, oder dass sie das Gewünschte gar nicht wirklich haben wollen und dass sie, ohne es vorher gewusst zu haben, eigentlich etwas völlig anderes wollen.Bil Es würden bei Minderung des Wohlstandes ebenso dessen problemübertünchende Funk­ tionen deutlich, und es könnten bei zusätzlich ernüchternden Erfahrungen mit dem poli­ tischen Leben, insbesondere wenn Wahlen ohne wesentliche Ergebnisänderung vermehrt als politische Unterforderung begriffen werden, kleine bis grössere Wellen des öffentlichen Protestes einsetzen und für Instabilität sorgen. Auch die Bevorzugung etablierter Interessen könnte so ins Wanken geraten. Das Auftreten neuer Gruppen, wie zuletzt der Umwelt­ schützer, die bislang unterbilanzierte Werte und Bedürfnislagen vertreten, würde sich ver­ stärken und den partizipativen Einfluss der sozialdominanten Verbände behindern bzw. sich inhaltlich auf deren Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten sowie Bereichspolitiken aus­ wirken. Bei Misserfolgen oder zu schnellen Erfolgen stellt sich womöglich wiederum ein Rückzug ins Private ein, der auch von Korruptionsgelegenheiten abhängig sein kann. Alles kommt, wie beim Säen und Ernten, zu seiner Zeit, die sozial und politisch jeweils systemspezifisch ist. Aus dieser neueren "Stadienlehre" folgt zugleich, "öffentliche Aufgaben mit Enthusias­ mus anzugehen, nicht jedoch mit Besessenheit und mit Heilserwartungen, die zu nichts ande­ rem als zu Niederlagen und massiven Enttäuschungen führen"." Es ist daher sinnvoll, jedes System in der Weise offenzuhalten, dass Anpassungsflexibilität und vielfältiges Options­ handeln einander reziprok bedingen. Ferner ist nicht durchgängig ein rationales Verhalten zu unterstellen, sondern gesellschaft­ liches Handeln und Verhalten ist gesamthaft subtiler und komplexer - auch im Kleinstaat, in dem ein faires Streiten aufgrund der sozialen Nähe und wegen fehlender Anonymität ohne­ dies zu den immateriell chronisch knappen Gütern zählt. Die Gratifikationen liegen nicht immer auf der Hand und sind auch nicht allein mit Geld zu bemessen. Es gehört nämlich zur "Psychologie des Wohlstands"", dass höheres Einkommen nicht unbedingt zufriedener, keineswegs generell (individuell wie kollektiv) glücklicher macht. Entscheidender sind Arbeits- und Statusbefriedigung sowie die Vermeidung von Frustration. Insbesondere die bessere gesellschaftliche Rangstellung aufgrund von erworbenen und nicht einfach zuge­ schriebenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen erzeugt Zufriedenheit, während das abso­ lute Einkommensniveau (ab einem gewissen Level) eine relativ untergeordnete Rolle spielt. Überdies beschert der technische Fortschritt, wie immer man ihn bewertet, den Menschen in wachsendem Masse mehr arbeitsfreie Zeit, wodurch sich auch der Bedarf an geistiger Anregung, an anspruchsvoller Konversation und sinnvollerer Lebensgestaltung im mit­ menschlichen Verbund erhöht. Die Bereitschaft, im Interesse der Gesellschaft zu handeln, wird insgesamt höher bewertet werden als das Erlernen von Konsumfähigkeiten. Wenn der M Hirschman 1984. 5' Ebd., S. 29. 52 Ebd., S. 147. 53 Siehe Scitovsky 1989, S. 116 ff. 300
        

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