Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/291/
Gewerbe- und Wirtschaftskammer Arbeitskräften ein erhebliches Problem dar, zumal wegen branchenbedingt ungünstiger Arbeitszeiten die liechtensteinische Stammbevölkerung hierfür (jedenfalls in abhängiger Beschäftigung) kaum noch zu gewinnen ist. Darüber hinaus besteht generell ein Trend, dass Personen aus dem Gewerbeberuf in den Dienstleistungssektor abwandern, da dort höhere Löhne und gleitende Arbeitszeiten ge­ boten werden - auch besteht nach wie vor eine Attraktivität von "white collar"-Berufen mit weniger schweisstreibender körperlicher Arbeit und ohne Uberstunden, wie sie bei "blue collar"-Tätigkeiten üblich sind. Im liechtensteinischen Gewerbe ist daher ein chronischer Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu konstatieren. Die Gewerbe- und Wirtschaftskammer hat das Patronat für die (seit 1978 im Turnus von zwei Jahren stattfindende) Liechtensteinische Industrie-, Handels- und Gewerbeausstellung (LIHGA) übernommen. Die Sektion Handel der Kammer führt ferner alljährlich eine Weih­ nachtsstern-Werbeaktion im liechtensteinischen Detailhandel durch. Die Gewerbe- und Wirtschaftskammer für das Fürstentum Liechtenstein hat 1981 eine Stiftung Sozialfonds gegründet (seit 1989 mit betrieblicher Personalvorsorge als Obliga­ torium), die neben der Alters- und Hinterlassenen-Versicherung als das grösste Sozialwerk des Landes (über 3000 Versicherte) bezeichnet werden kann. In einem (zweiten) Gutachten über die "Enrwicklungsperspektiven für das Fürstentum Liechtenstein unter besonderer Berücksichtigung der Branchenstrukturen und des europäi­ schen Integrationsprozesses" vom Februar 1990, das von der liechtensteinischen Regierung in Auftrag gegeben wurde, heben die Autoren Francesco Kneschaurek und Hans Georg Graf hinsichtlich des Gewerbes hervor, dass sich besondere Probleme für die kleineren und mitt­ leren Unternehmen stellen, die aufgrund beschleunigter Internationalisierungsprozesse auch ihre Tätigkeit vermehrt über die Landesgrenzen hinaus ausdehnen müssen. Dies erfordere eine Neuorientierung ihrer Unternehmensstrategien wie auch seitens der Öffentlichen Hand die Schaffung besonderer Rahmenbedingungen.27 Von der Zahl der Erwerbstätigen her bestehe kein sonderlich grosses Wachstumspotential, so dass es auf die Qualifikationsstruk­ tur der Beschäftigten ankomme. Dieses "Fähigkeitskapital" könnte für das Fürstentum Liechtenstein möglicherweise sogar einen der letzten substantiellen Standortvorteile dar­ stellen.28 
Der extrem kleine liechtensteinische Binnen- und der ausgetrocknete Arbeitsmarkt mit geringen zusätzlichen Rückgriffsmöglichkeiten, vor allem auf ausländische Fachkräfte (wegen der Begrenzung der Zahl der Ausländer im Fürstentum), könnten sich sogar zu Standortnachteilen auswachsen, wobei sich die grösseren, international tätigen Unternehmen durch Verlagerung ins Ausland diesem Druck entziehen können." Die Gewerbe- und Wirtschaftskammer im Fürstentum Liechtenstein steht insofern dem Europäischen Wirtschaftsraum ingesamt eher mit einem "gesunden Misstrauen" gegenüber: "Die Sache ist für uns ein bisschen ein grosses, mächtiges Tier, von welchem wir noch nicht wissen, wie viele von uns es zertrampelt, und sei es auch nur aus Achtlosigkeit.",0 Es kommt daher nicht von ungefähr, dass das Gewerbe mit Stossrichtung gegen den EWR-Vertrag eine Volksinitiative auf Einführung eines unbeschränkten Staatsvertragsreferendums lancierte, die im März 1992 vom Volk hoch angenommen wurde (LGB1. 1992, Nr. 27). Innenpolitisch sprach sich die Gewerbe- und Wirtschaftskammer ferner gegen das neue Steuergesetz aus, das in der Volksabstimmung vom Oktober 1990 bachab geschickt wurde. Gleichsam als ein Ausholeffekt der positiven EWR-Abstimmung vom 13. Dezember 1992 trat nach zwölfjähriger Amtszeit der Gewerbepräsident Josef Frommelt zurück, ebenso sein Vize. Auch der Gewerbesekretär Beat Marxer wird sein Amt im Sommer 1993 zur Verfügung stellen. Erstmals waren die heimischen Medienvertreter nicht zur Delegiertenversammlung V Kneschaurek/Graf 1990.S. 95, 157. « Ebd., S. 133. w Ebd., S. 139 f. M Frömmelt 1990, S. 3. 290
        

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