Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/29/
Kleinstaal Kleinstaat sei die Solidarität mit den Kleinen in der Welt, mit Minderheiten, wirtschaftlich be­ dürftigen Völkern und jenen, die auch um ihre Freiheit und Unabhängigkeit ringen, in quasi natürlicher Weise mitgegeben. Kleine staatliche Gebilde entwickelten ein feines Gespür für gegenseitige Rücksichtnahme und zwischenmenschlichen Austausch; denn ein Kleinstaat ist nicht autark, weder wirtschaftlich noch geistig. Er sei daher auf offene Kommunikation ange­ legt, und dieser norwendige wirtschaftliche, kulturelle und zwischenmenschliche Austausch könne vielleicht als "einer der modernsten Züge des Kleinstaates in unserer weltweit sich ver­ flechtenden Gesellschaft"38 betrachtet werden. Der Kleinstaat sei demnach "besonders geeignet, der Befreiung und der Freiheit und der Entfaltung der menschlichen Person zu dienen".3'' Insofern haben kleine Staatswesen "auch in einer zueinanderwachsenden und interdependenten Welt einen Sinn. Der kleine Staat, der ein Selbst ist und sich doch nicht abkapselt, vermag in unvergleichlich stärkerem Masse auf die Einzelperson Rücksicht zu nehmen als der Grossraum."0 - Jedoch konzediert Gerard Batli- ner bei diesen normativ zu verstehenden Elementen des Kleinstaates durchaus einen Abstand zwischen Idee und Praxis, zwischen Sollen und faktischem Sein. Aber auch wenn man dies in Rechnung stellt, so lässt dieser anthropologisch-soziale Ansatz, wie ich ihn genannt habe, ei­ gentlich wenig Raum für Defizitbefunde bzw. er läuft - zumindest der Tendenz nach - Ge­ fahr, den Kleinstaat zu idealisieren, weil er machtpolitisch schwach und deswegen von vorn­ herein mehr oder weniger gut ist. Er sei zu schwach, so Alexander Frick, um dem Chauvinis­ mus zu verfallen. Zu dieser Argumentation passt vorzüglich das oft zitierte Diktum von Jakob Burckhardt in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen": "Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die grösstmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind". Allerdings wird übersehen, dass gerade für Burckhardt das städtische Element, das Urbane, den Inbegriff höchster Kultur ausmacht, und dass er im Wettstreit, im Agonalen, das entscheidende Movens oder Bewegungsprinzip erblickte." Es kann uns also "nicht gehen um das Lob des Kleinstaates schlechthin, denn nicht alles, was klein ist, ist auch gut. Die dumpfe Enge Krähwinkels (oder von Archenfels, A.W.), seine geistlose Provinzialität, repressive Atmosphäre und versteinerte Sozialwelt kann kein Modell politischer Kultur sein."" So werden in der Literatur auch des öfteren die sozialpathologi­ schen Tendenzen des Kleinstaates herausgestellt, die zur Mut- und Gedankenlosigkeit führen, insofern Kleinheit den Horizont einengen und den Blick für grössere Zusammenhänge trü­ ben kann.0 Enge Verhältnisse, zu kleine Wirkungskreise erzeugen leicht lokalen Eigensinn und Pedanterie. Georg Gottfried Gervinus, ein Hauptvertreter des kleinstaatlichen Liberalis­ mus im 19. Jahrhundert, hat die Kleinstaaten zwar als Horte der Freiheit gesehen, gewisser- massen als Urzellen menschlicher Gemeinschaft und gegenseitigen Vertrauens, insgesamt ausgestattet mit wärmeren Lebenstrieben, gleichwohl hat er auch die Nachteile wahrgenom­ men, die beispielsweise einen Freiherrn von Stein vom Kleinstaatenleben abschreckten: "die Verengung des Blicks, die Lähmung des Charakters, das Kleinliche und Spiessbürgerliche in ihnen, das Fehlen grosser allgemeiner Interessen und als Folge davon das Mangeln des Ge­ meingeistes, der gründlichen politischen Bildung, der grossen öffentlichen Meinung, des um­ fassenden praktischen Verstandes."" Auch Gerard Batliner führt aus, dass dem kleinen Staat in der Tat manches fehlt, "was der grosse bietet: die Mächtigkeit wie der weite, kulturelle, wissenschaftliche, berufliche, wirt­ schaftliche Freiraum und die Ausweichmöglichkeit ins rein Private." Jedoch überrage der >8 Ebd., S. 18. « Badincr 1977, S. 89. Ebd., S. 100. Siehe Kaegi 1946, S. 65, Cappis 1922/23, S. 109, 127. « Gebhardt 1983, S. 571. Hemmerle 1988, S. 39. « Cappis 1922/23, S. 72 u. 76. 27
        

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