Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/27/
Kleinstaat analyse bezeichnen möchte, und zwar im Sinne von: der Kleinstaat (hier der Kleinstaat Liech­ tenstein) hat nicht..verfügt nicht über ... etc. - 
Es wird also eine Art Mängelliste aufge­ führt. Ich beziehe mich dabei auf den Beitrag "Ein Lob der kleinen Staaten" eines isländischen Wirtschaftswissenschaftlers, Gylfi Gfslason, in einem Sammelband mit dem ansprechenden Titel: "Die Leidenschaft für Gleichheit und Gerechtigkeit. Essays über den nordischen Wohl­ fahrtsstaat" aus dem Jahre 1988. Gi'slason lobt sein heimatliches Island über alle Massen - in­ sofern auch ein "Lob der Kleinheit", aber ein spezifisches, nämlich nationalbezogenes Lob. Der Autor rühmt sein Land nicht dafür, dass es NATO-Gründungsmitglied war, sondern vor allem deswegen, weil es über die älteste lebende Sprache der westlichen Welt verfüge. Jedes is­ ländische Kind könne ohne Schwierigkeiten die Sagas aus dem 13. und 14. Jahrhunden lesen. Abgesehen davon erfüllt Island mit seinen 251 
000 Seelen die optimale Kulrurgrösse, von der Leopold Kohr gesprochen hat und an die Liechtenstein bei weitem nicht heranreicht. Die für Liechtenstein wenig schmeichelhafte Passage lautet: "Die Isländer sind die kleinste Gruppe, zumindest in der westlichen Welt, die in neuerer Zeit einen Staat gegründet hat (1944 wurde die Republik gegründet, A.W.). Es gibt weitere kleine Staaten - San Marino, Liechten­ stein, der Vatikan-, aber im Unterschied zu Island sind diese nicht souverän und ihre Völker haben weder eine eigene Sprache, noch nationale Eigenheiten oder eine lange nationale Ge­ schichte."* Dieser Satz ist natürlich falsch, insofern die völkerrechtliche Souveränität Liechtensteins zwar des öfteren bezweifelt wurde, aber heute kaum noch zu bestreiten ist. Aber Souveränität in diesem Sinne bedeutet nicht unbedingt auch Unabhängigkeit, in diesem Falle winschaftii- che oder kulturelle Autonomie. Insofern ist der obige Einwand nicht ganz unerheblich. In dem erwähnten Aufsatz heisst es dann in bezug auf Luxemburg aus Abgrenzungsgründen weiter, wobei Analogieschlüsse zu Liechtenstein vorgenommen werden können: "Luxemburg hat den gleichen völkerrechtlichen Status wie Island ... mit einer doppelt so grossen Bevölkerung ... (Luxemburg) ist sicherlich auf manche Art ein bemerkenswertes Land und seine führenden Leute sind in Europa und in der ganzen Welt hoch geschätzt. Aber seine Menschen bilden keine eigene Nation im gleichen Sinne wie die Isländer. Sie sprechen zwar ihre eigene Sprache, aber sie schreiben sie nicht: Alles, was in Luxemburg gedruckt wird, ist entweder in Französisch oder in Deutsch geschrieben. Und obwohl Luxemburg nach internationaJem Recht ein unabhängiger Staat ist, bildet es keinen unabhängigen Wirt- schaftsraum, seine Wirtschaft ist in ihren Grundzügen untrennbar mit Belgien verbunden; die Währung ist praktisch gleich. Es gibt in Luxemburg keine Universität, die jungen Leute dort wenden sich für eine Hochschulausbildung nach Belgien, Frankreich oder Deutschland. Und auch als Bürger eines unabhängigen Staates fehlt den Luxemburgern eine charakteristische Nationalität. Sie haben ein souveränes Staatsgebilde errichtet, aber ohne eine unabhängige Wirtschaft und vor allem ohne eine unabhängige Kultur."" Das kann als eine Defizitanalyse mit pro domo-Abgrenzungen verstanden werden. Auf Liechtenstein übertragen könnte man sagen (abgesehen von so diffizilen Fragen, ob Liechten­ stein eine eigene Kultur oder Sprache habe): Liechtenstein hat keine eigene Währung, noch keine eigene Rundfunk- und Fernsehanstalt, keinen Hauptbahnhof usw. - Aber die Ver­ gleichsmassstäbe sind nicht eindeutig; denn vermeintliche Defizite können auch bestimmte Vorzüge sein, z.B. dass Liechtenstein kein Militär hat. Im übrigen hat auch Island keine eige­ nen Streitkräfte. Auf der anderen Seite kann man diese Defizitanalyse auch ins Absurde über­ steigern: dass Liechtenstein im Vergleich beispielsweise zu Island keine maritime Umgebung hat, keinen Zugang zum Meer und keinen Hafen. Andererseits hat Island keine Alpen, keinen Fürsten, stellt keine Skiwehmeister oder alpine Ski-Olympiasieger usw. - Damit wird deut­ lich, dass dieser Ansatz eher eindimensional ist und nicht sonderlich weiterführt. * Gi'slason 1988,5.238. » Ebd. 25
        

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